Beschwerden beim Fliegen : Notfall über den Wolken

Ein Glas Wasser kann bei Schwindel und Nervosität helfen.  Flugbegleiterin (li.) als Expertin.   Foto: sh:z
Ein Glas Wasser kann bei Schwindel und Nervosität helfen. Flugbegleiterin (li.) als Expertin. Foto: sh:z

Erste-Hilfe im Flugzeug: Ist kein Arzt an Bord, sind Flugbegleiter auf Notfälle vorbereitet. Die meisten Beschwerden sind jedoch harmlos.

shz.de von
06. April 2011, 04:33 Uhr

Rund 2900 Mal im Jahr, also für jeden 20.000. Passagier machen Flugbegleiter der Deutschen Lufthansa AG diese Durchsage: Das ist ein medizinischer Zwischenfall. "In über 80 Prozent der Fälle meldet sich tatsächlich ein mitreisender Arzt oder eine medizinische Fachkraft", sagt Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty. Aber auch wenn nicht: Das Flugpersonal ist auf medizinische Notfälle vorbereitet.
Um auch bei ernsteren gesundheitlichen Problemen und in lebensbedrohlichen Situationen adäquat helfen zu können, bekommen Flugbegleiter bei den meisten Unternehmen eine 16-stündige Grundausbildung in Erster Hilfe. "Die Schwerpunkte liegen bei der Erkennung des Krankheitsbildes, dem Verabreichen von Medikamenten, dem Gebrauch medizinischer Geräte und der Reanimation", so Lamberty. Jährlich steht für jeden Mitarbeiter eine Nachschulung an.
Beschwerden zumeist harmlos
Auch bei den anderen Airlines werden Ausbildung und die dazugehörigen Auffrischungskurse groß geschrieben. "Unsere Flugbegleiter lernen in ihrer vom Luftfahrtbundesamt anerkannten Ausbildung und den Auffrischungskursen unter anderem die Versorgung bei Vitalstörungen, Wiederbelebung, Behandlungsmaßnahmen bei Angina pectoris, Asthma oder einem Herzinfarkt", sagt Air-Berlin-Sprecherin Angelika Schwaff. Lufthansa hat außerdem alle Flugzeuge mit Defibrillatoren zur Wiederbelebung ausgerüstet, auch Air Berlin und Hapagfly führen Defibrillatoren auf allen Flügen mit. Immerhin sind 42 Prozent aller Notfälle an Bord Herz-Kreislauf Beschwerden.
Die meisten Zwischenfälle erweisen sich nach den Erfahrungen der Fluggesellschaften jedoch als harmlos. Im Wesentlichen handelt es sich um Beschwerden wie Schwindel, Kreislaufprobleme, Atemnot, Brustschmerz, Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen. Dennoch kommt es vor, dass Flugzeuge zwischenlanden müssen, um Patienten in Kliniken bringen zu lassen.
Luftdruck wie im Hochgebirge
So registriert die Lufthansa 30 bis 40 solcher Zwischenlandungen pro Jahr. Statistisch bedeutet das etwa einen Fall pro eine Million Passagiere. "Die demographische Entwicklung der Industriegesellschaften setzt sich auch bei den Flugreisenden fort: Die Passagiere werden älter und unternehmen Langstreckenflüge auch mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen", schildern Dr. med. Jürgen Graf und Professor Dr. med. Uwe Stüben vom Medizinischen Dienst der Deutschen Lufthansa AG die Lage.
Für Gesunde sind die Bedingungen während eines Fluges normalerweise kein Problem. Für Reisende mit Vorerkrankungen ist die Belastung aber unter Umständen zu groß. Warum ist das so? Der Luftdruck, dem Fluggäste während ihrer Reise ausgesetzt sind, entspricht dem im Hochgebirge in 2400 Metern Höhe. Der Gasdruck des Sauerstoffs in der Atemluft ist um etwa 25 Prozent geringer als normal - als Folge sinkt die Sauerstoffsättigung des Blutes um drei bis vier Prozent. Für Menschen, die beispielsweise aufgrund einer Herzschwäche oder einer Lungenerkrankung schon einen niedrigen Sauerstoff-Level haben, kann es dann knapp werden.
Gleichzeitig kommt es zu einer Volumenzunahme der Luft, die in den Nasennebenhöhlen, im Mittelohr oder im Darm eingeschlossen ist. Auch die mit rund zehn bis 20 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit extrem trockene Kabinenluft wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden aus. Das beschränkte Raumangebot engt dazu die Bewegungsfreiheit ein, Lärm und mögliche Turbulenzen können die Belastungen zusätzlich erhöhen.
Je länger der Flug, desto höher die Belastung
Insgesamt ist so eine Flugkabine also kein wirklicher Wohlfühlbereich, vor allem nicht für unsere Atemwege und unser Herz-Kreislauf-System. Ein, zwei Stunden ist das zwar in der Regel kein Problem, aber je länger der Flug, desto höher die Belastung: Daher ereignen sich auch zirka 70 Prozent aller Notfälle auf den längeren Interkontinentalflügen. Besteht Unsicherheit, ob ein geplanter Flug gesundheitlich gut verkraftbar ist, sollte vorher ein Arztbesuch anstehen. Denn dieser wird vermutlich dann doch nicht in der Nähe sein, wenn die nächste Ansage kommt: "Ist ein Arzt an Bord?"

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