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Ernährung & Gesundheit

16. Dezember 2017 | 20:26 Uhr

Nie wieder XXL - Diät nach Maß

vom

Neues Therapieprogramm "Doc Weight" hilft übergewichtigen Patienten dauerhaft Gewicht zu verlieren / Modell einzigartig in Schleswig-Holstein

shz.de von
erstellt am 16.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Itzehoe | Trennkost, FDH, Low Carb, Weight Watchers, Brigitte-Diät - wenn es ums Abnehmen geht, hat Dagmar Neumann schon so ziemlich alles ausprobiert, was der Diät-Markt zu bieten hat. Das Ergebnis war jedes Mal das gleiche. "Die ersten zehn Kilo gehen immer wunderbar, aber danach passiert nichts mehr. Und dann frustet man", erzählt die 48-Jährige.

Schon als Kind hatte sie Probleme mit ihrer Figur, bezeichnete sich selbst als Pummelchen. Das verwächst sich wieder, hieß es damals. Doch gewachsen sind am Ende nur die Pfunde auf der Waage, jedes Jahr kamen ein paar mehr dazu. Heute wiegt sie 136 Kilogramm, bei einer Größe von 1,64 Meter. Das entspricht einem Body Mass Index (BMI) von 51. Ab einem Wert von 40 sprechen Mediziner von Adipositas Grad III - krankhafter Fettsucht.

Mit ihrem Problem ist Dagmar Neumann nicht alleine. Etwa 37 Millionen Erwachsene in Deutschland leiden an Übergewicht, Tendenz steigend. Das Programm "Doc Weight" will damit jetzt Schluss machen. In einem Therapieprogramm am Klinikum Itzehoe können übergewichtige Patienten unter ärztlicher Aufsicht mit einem Team aus Ernährungsmedizinern, Diätassistenten, Psychologen und Sportfachkräften ihr Gewicht reduzieren.

"Auf diese Weise können wir den Patienten gemeinsam helfen und die Kräfte bündeln. Es ist sonst viel komplizierter, wenn man alles einzeln anläuft", erklärt Adipositaschirurgin Dr. Nadja Beuge vom Klinikum Itzehoe. Damit sei das Programm das erste seiner Art in Schleswig-Holstein - und schon seit Jahren überfällig. "Es gab einfach fast nichts für Menschen mit einem BMI ab 40", so die Medizinerin.

Bereits seit elf Jahren behandelt sie Patienten mit starkem Übergewicht und weiß, wo die Schwierigkeiten im Kampf gegen die Kilos liegen. "Adipositas ist in Deutschland leider noch immer keine anerkannte Krankheit." Auch innerhalb der Gesellschaft seien die Betroffenen meist massiven Vorurteilen ausgesetzt. "Fettleibigkeit wird hier immer noch als Schönheitsfehler angesehen", weiß Dr. Beuge.

Davon kann auch Dagmar Neumann ein Lied singen. Erst neulich wurde die zweifache Mutter von einer alten Dame beim Bäcker beschimpft, als sie ihren Kindern ein Stück Erdbeerkuchen gekauft hatte. "Das tut schon weh, aber irgendwann gewöhnt man sich daran", erzählt sie. Obwohl es bei ihr trotz eiserner Diät und unzähligen Fitnessstudiobesuchen mit dem Abnehmen nicht klappt, gibt die Itzehoerin nicht auf. Mit "Doc Weight" will sie jetzt endlich ihre überflüssigen Pfunde verlieren. "Ich habe davon in der Zeitung gelesen und war sofort begeistert." Die Vorteile liegen für sie auf der Hand: "Man wird ja fachkundig begleitet, so kann einem vielleicht mal jemand sagen, was man falsch macht. Außerdem steht man nicht alleine davor, sondern zusammen in der Gruppe."

Gerichtet ist das Programm an Erwachsene mit einem BMI von mehr als 40; liegen Begleiterscheinungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen vor, ist eine Teilnahme auch ab einem BMI von 35 möglich. Der Kursus dauert 52 Wochen und ist auf acht bis zwölf Teilnehmer begrenzt. Ein Großteil der Kosten von rund 1700 Euro wird bei erfolgreicher Teilnahme von einigen Krankenkassen erstattet, "mit den anderen bin ich noch im Gespräch", so Dr. Beuge.

Neben Bewegungseinheiten wie Nordic Walking oder Aqua Fitness gehören auch Ernährungstraining und Verhaltenstherapie dazu. Denn nicht selten sei der Grund für die Fettsucht psychologischer Natur. "In solchen Fällen muss man auch die Ursache, statt nur die Symptome behandeln." Das ist auch Dagmar Neumann bewusst. "Manchmal ist es ja nur ein kleiner Schalter, der umgelegt werden muss."

Erst, wenn konservative Methoden keinen Erfolg brächten, könne man über operative Maßnahmen nachdenken, erklärt Dr. Nadja Beuge. Besonders bei übergewichtigen Diabetes-Patienten sei ein solcher Eingriff eine sinnvolle Maßnahme. Denn: "Die Heilungsrate des Diabetes Typ II durch einen Magenbypass liegt bei 70 Prozent", weiß die Chirurgin. Grund dafür seien hormonelle Effekte des Körpers, die durch die operative Veränderung des Nahrungsflusses zustande kämen. Das früher so populäre Magenband sei hingegen nicht immer die beste Lösung, weil die Patienten danach sehr kontrolliert essen müssten.

Eine Operation kommt für Dagmar Neumann noch nicht in Frage. Die 48-Jährige will den Kilos zunächst aus eigener Kraft den Kampf ansagen. "Ich bin gerade dabei, die Kohlenhydrate wegzulassen und gehe regelmäßig zum Fitness." Leicht falle ihr das Abnehmen bei zwei Kindern und einem Job beim Kreis zwar nicht - aufgeben will sie trotzdem nicht. "Ich werde weiter machen, egal wie lange es dauert." Von der perfekten Bikinifigur hat sie sich mittlerweile verabschiedet. Stattdessen setzt sie auf realistische Ziele. "Zwei Kleidergrößen weniger würden mir schon reichen."

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