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Arzneimittel-Bewertung : Neue Arzneien selten besser

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Prüfung belegt: Höhere Preise für bestimmte Medikamente sind nicht immer gerechtfertigt. Es geht um Milliarden.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2013 | 05:55 Uhr

Berlin | Sie sollen besser gegen Volkskrankheiten helfen - und sind teurer als bisherige Präperate. Doch in einer offiziellen Prüfung zeigt sich, dass der höhere Preis für neue Pillen oft ungerechtfertig ist. Die Revolution auf dem Pillenmarkt bereitet jetzt Josef Hecken akribisch vor - er stellt die umsatzstärksten Arzneimittel auf den Prüfstand. Dafür sitzt der 53-Jährige als unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken an der zentralen Schaltstelle des deutschen Gesundheitswesens.
Der saarländische Ex-CDU-Gesundheitsminister ist die derzeit von den Pharmakonzernen wohl am meisten gefürchtete Person. In der Auseinandersetzung geht es um 14 Milliarden Euro. So viel Jahresumsatz machten die Arzneimittelhersteller zuletzt mit ihren noch unter Patentschutz stehenden, aber schon länger angebotenen Präparaten für die Volkskrankheiten von Millionen Patienten. Umsatzsteuer, Großhandels- und Apothekenzuschläge sowie Rabatte herausgerechnet, lag der Umsatz laut Verband forschender Arzneimittelhersteller noch bei 8 Milliarden Euro. Jetzt werden die ersten dieser breit angewendeten Mittel neu bewertet.

Die Bilanz sorgt für Klarheit


Alle bisherigen Pillenbewertungen des G-BA erscheinen dagegen nur als Vorgeplänkel. Seit dem Start der den Verfahren zugrundeliegenden schwarz-gelben Arzneireform Amnog 2011 werden neue Präparate auf ihren Zusatznutzen gegenüber den bisher gültigen Standardtherapien geprüft. Jetzt legt Hecken eine Bilanz vor. Zwar helfen demnach zwei von drei neuen Arzneien gegen schwere Krankheiten mehr als die bisher gängigen Medikamente. Doch die Bescheinigung eines wirklich beträchtlichen Zusatznutzens verfehlten die allermeisten dieser Präparate gegen Krebs, Bluthochdruck, Diabetes und andere Leiden.
Im Detail sieht die G-BA-Bilanz gut zwei Jahre nach Inkrafttreten der Arzneireform so aus: Von 37 überprüften Mitteln erkannte der G-BA in sieben Fällen einen beträchtlichen Zusatznutzen. In 14 einen geringen und in drei einen nicht näher bestimmbaren. Den meisten anderen Medikamenten wurde kein Mehrwert oder das Fehlen vollständiger Nachweise bescheinigt. "Dies ist ein Beleg dafür, dass der G-BA fair bewertet und echte Innovationen nicht kaputtprüft", sagt Hecken. Er wirbt damit für die kommenden Arzneibewertungen um Vertrauen.

Kritische Stimmen werden laut


Der Startschuss fällt mit dem Schmerzmittel Tapentadol sowie Medikamenten gegen Osteoporose, Mitteln zur Schlaganfallprophylaxe sowie Prophylaxe tiefer Venenthrombosen, mit Antidiabetika und Antidepressiva sowie Arthritis-Präparaten. Die Beurteilungen des Bundesausschusses könnten den Markt umkrempeln. Wenn die Bewertung eines Topmedikaments nicht so positiv ausfällt, wie das tausende verordnende Ärzte erwarten, könnten sie mit ihren Rezepten künftig auf andere Mittel ausweichen. Vor allem aber: Der eigentliche Zweck der Bewertungen sind Preisverhandlungen der Hersteller mit dem Spitzenverband der Krankenkassen. Nur was mehr bringt als frühere Standardtherapien soll künftig auch mehr kosten dürfen.
Die Bundesregierung erhofft sich Milliardeneinsparungen. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller argumentiert anhand bisheriger Bewertungen: Fair seien die Verfahren nicht, das Ziel sei, den Medikamenten nur für so wenige Patienten wie möglich einen Zusatznutzen zuzubilligen. Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer schreckt vor einer Warnung nicht zurück: "Zugespitzt heißt das: Hier zeichnet sich eine verdeckte Rationierung ab!" Pharmakritiker bemängeln hingegen seit Jahren, die Konzerne brächten teure Mittel auf den Markt, die oft nur geringfügig anders seien als bisherige.
Das Unbehagen der Branche über staatliche Regulierungen ist gewaltig. Knickt die Politik noch ein, wenn der Druck der Industrie steigt? Vor der Bundestagswahl wohl nicht mehr, da ist man sich in der Szene einig. Und entscheidende nächste Schritte folgen auch erst im Spätherbst. Nach der Wahl. Und Kenner der Branche hegen Zweifel, ob eine neue Bundesregierung an den recht rigiden, aber auch raffinierten Prüfregeln festhält.
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