Hebammen fordern: : Muttermilch ist ein Menschenrecht

In Ruhe die richtige Stillposition finden: Silke Widera (links) zeigt den jungen Müttern, wie Stillen zur Bereicherung wird.
In Ruhe die richtige Stillposition finden: Silke Widera (links) zeigt den jungen Müttern, wie Stillen zur Bereicherung wird.

Muttermilch als Wort des Jahres - das wünschen sich die beiden Hebammen Silke Widera und Ute Schröder.

shz.de von
06. April 2011, 04:50 Uhr

Die beiden Hebammen aus Schleswig-Holstein zählen im Land zu den wenigen Botschafterinnen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die sich für die Initiative "babyfriendly hospital" stark machen. Beide sind dafür qualifiziert, Krankenhäuser als stillfreundlich zu zertifizieren, wie bereits das Klinikum in Eckernförde. Dafür schulen sie das Klinikpersonal und Stillberaterinnen mit dem Ziel, dass der Norden künftig stärker stillt.
"Muttermilch ist kein Getränk - sie ist Nahrung und in ihrer Vollkommenheit und Wirkung einzigartig", betont Silke Widera aus Missunde (Kreis Schleswig-Flensburg). Damit meint die Hebamme, dass Muttermilch immer richtig zusammengesetzt, temperiert, keimfrei, preiswert, artgerecht, immer zur Hand und vor allem gesundheitsfördernd ist. Wird wie von der WHO empfohlen, sechs Monate voll und über das zweite Lebensjahr teilweise gestillt, würden nachweislich Volkskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht und Allergien reduziert. "Zudem sind gestillte Kinder schlauere Kinder", sagt Silke Widera. Für sie ist Muttermilch daher ein Menschenrecht.
Nur 70 Prozent verlassen stillend die Entbindungsklinik
Doch die Realität sieht anders aus, auch in Schleswig-Holstein. Sechs Wochen nach der Geburt werden nur noch 40 Prozent der Kinder gestillt. Ein wichtiger Ansatzpunkt, um dies zu ändern, sind für die beiden WHO-Hebammen die ersten im Krankenhaus verbrachten Tage. 90 Prozent aller schwangeren Frauen wollen laut Einschätzung der beiden Geburts-Expertinnen stillen, doch nur 70 Prozent verlassen stillend die Entbindungsklinik.
Diese Quote könnte durch folgende Punkte verbessert werden: Schon im Kreißsaal sollen Mutter und Kind nicht unnötig voneinander getrennt werden, sondern im engen Haut- und Körperkontakt verbleiben, dann erfolgt fast immer während der ersten zwei Lebensstunden das erste Stillen. Wichtig ist auch, dass sich die Mutter - so weit sie kann - auf der Wochenstation selbst so viel wie möglich und zu jeder Tages- und Nachtzeit um ihr Neugeborenes kümmern kann, das Klinikpersonal aber jederzeit für Fragen zur Verfügung steht. Unverzichtbar ist auch ein freundliches Stillzimmer, um in geschützter Atmosphäre sowie unter Anleitung verschiedene Anlegetechniken wie beispielsweise unter dem Arm, im Arm, im Wiegegriff oder im Liegen in Ruhe zu erlernen.
Gestillte Neugeborene leiden seltener an Infekten
Das Stillen stiftet die erste, für das gesamte Leben entscheidende Sozialisierung zwischen Mutter und Kind. "Von dem sozialen Band, das durch das häufige Anlegen an die Brust geknüpft wird, profitiert das Mutter-Kind-Paar ein Leben lang", sagt Silke Widera. Der Kittstoff dafür ist das Liebes- und Bindungshorman Oxytocin, das beim Stillen ausgeschüttet wird.
Zudem fördere das Stillen die mütterliche Kompetenz und die nonverbale Kommunikationsfähigkeit des Kindes. "Da es durch die Nähe beim Stillen lernt, im Gesicht der Mutter zu lesen", sagt die Hebamme. Gestillte Neugeborene leiden auch seltener als nicht oder nur kurz gestillte Babys an Infekten. Mütter, die länger stillen, erkranken seltener an Brustkrebs und Osteoporose.
"Durch all diese Effekte wird das Gesundheitssystem finanziell erheblich entlastet", sagt Silke Widera. Für sie ist Muttermilch daher, ein Zauberwort. "Ich wünsche mir, dass es zum deutschen Wort des Jahres gewählt wird - um ein Zeichen zu setzen für unsere kleinsten und schwächsten Mitbürger", betont sie. Als Hebamme mit der Zertifizierungslizenz für Stillfreundlichkeit sieht sie noch großen Handlungsbedarf. "Als Mutter habe ich aber Hoffung, dass der Norden künftig stärker stillt", sagt Silke Widera."

So fließt mehr Milch
Hebamme Ute Schröder gibt folgende Tipps für eine Steigerung der Milchbildung:
Das Baby oft anlegen, viel Hautkontakt, Rücken und Fussmassagen, die Einnahme von Aufbaukalk, Lecithin, Calzium Phosphoricum. D6 (Schüssler-Salz), Alfalfa als Tee oder Sprossen, Süßkartoffeln, Milchbildungskugeln (altes indisches Rezept), Gerste, Gerstentrank sowie Tees aus Fenchel, Geißklee, Brennessel (auch als Salat oder Gemüse), Frauenmantel, Kümmel oder Dill.
Ein Milchbildungstee ist auch selbst schnell gemacht. Je 20 Gramm Brennesselblätter, Fenchelfrüchte, Frauenmantelkraut, Geißklee und Kümmelfrüchte mischen, im Mörser zerquetschen. Zwei Teelöffel pro Tasse (200 ml) für zehn Minuten ziehen lassen und jeweils eine halbe Stunde vor dem Stillen trinken.

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