Sportgruppe : Mit Schwung mehr Sauerstoff ins Blut bringen

Behutsam die Balastbarkeit ausloten: Die Herzsportgruppe trainiert immer unter ärztlicher Aufsicht. Foto: Ruff
Behutsam die Balastbarkeit ausloten: Die Herzsportgruppe trainiert immer unter ärztlicher Aufsicht. Foto: Ruff

Den Herzmuskel stärken - so lautet das Ziel einer besonderen Sportgruppe aus Nordfriesland. Alle Teilnehmer haben mindestens einen Infarkt erlebt.

shz.de von
06. April 2011, 05:05 Uhr

Der jüngste Teilnehmer ist 42 Jahre alt, der Älteste 98. Sie alle treffen sich jeden Dienstag beim TSV Garding (Kreis Nordfriesland), um in der Herzsportgruppe ihre Fitness zu fördern. Denn alle 23 hatten bisher einen oder mehrere Herzinfarkte. Sechs Frauen und 17 Männer, die zum Teil viel, zum Teil gar keinen Sport vorher machten, tauschen sich nun über Sportergebnisse, Reha-Kliniken und Medikamente aus. Denn die Schulstunde der Herzsportgruppe beginnt mit einem ruhigen Zusammensitzen.
Jeder "pulst" am Handgelenk seinen "Ruhe-Puls" und meldet ihn Dr. Michael Otto. Er wechselt sich mit Dr. Hanspeter Bange und Dr. Babett Seidler ab, um die Stunde in der Turnhalle des dänischen Kindergartens ehrebamtlich zu begleiten, um im Notfall eingreifen zu können. "Passiert ist in all den Jahren noch nie etwas Größeres", sagt Dr. Otto. "Manche bekommen Herzrhythmus-Störungen, wenn sie Übungen zu schnell oder ehrgeizig angehen. Es ist für alle eine Beruhigung, dass ein Arzt vor Ort ist."
Der Wille, bis an die Grenzen zu gehen
Übungsleiter Achim Bruns gibt seit 18 Jahren im TSV Garding den Takt vor: "Eigentlich hat sich nicht viel in den Jahren verändert, nur die Spiele geben ab und zu neue Impulse." Heute wird Tennis mit einem Reissäckchen aus Stoff gespielt, dadurch fliegt der vermeintliche "Ball" langsamer. Zuvor gehen oder laufen die Teilnehmer der Gruppe fünf Minuten zum Aufwärmen. "Wichtig ist", so Bruns, "dass jeder selbst erkennt, wie schnell oder wie langsam er sich bewegen soll." Keine Hektik, aber der Wille, an die Grenze zu gehen. Zum Schluss machen alle Entspannungsübungen, damit der Puls wieder runter kommt - dafür wird sogar das Licht ausgeschaltet.
Bruns muss alle zwei Jahre bei der Landesarbeitsgemeinschaft Herz und Kreislauf in Schleswig-Holstein seine Lizenz zum Übungsleiter erneuern. Dies bedeutet, ehrenamtlich sonnabends acht Schulungseinheiten zu absolvieren. Im Gegensatz zu anderen Fitness-Trainern lernt er Geduld zu haben: "Wir sollen fördern, aber nicht fordern." Darum laufen einige schneller, andere langsamer. Darum machen einige die späteren Stretch- und Kraft-Übungen statt auf der Matte lieber auf dem Stuhl. Bruns wirkt begleitend und mitfühlend: "Na, Hans, Dir gehts heute nicht so gut wie sonst? Dann mach Pause oder nimm das andere Bein."
Angst vor neuen Koronar-Vorfällen
Die Rolle der Sportvereine ist für Dr. Otto ganz entscheidend. Nach dem Klinikaufenthalt, der Reha und dem Einfinden in den Alltag bieten die Sportvereine eine Brücke zu mehr Gesundheitsbewusstsein und Lebensqualität. Keiner setzt sich gern allein zu Hause hin und macht seine Übungen. Dazu kommt die Angst vor neuen Koronar-Vorfällen.
"Genauso wie beim Schlaganfall geht es beim Herzinfarkt um eine Verengung der Arterien und dann um die Mangeldurchblutung des Herzmuskels", sagt der Allgemeinmediziner. Jede Form von Sport, ob Laufen oder Radfahren, fördert den Kreislauf und damit die Durchblutung und Stärkung des Herzens. Je nach Alter und sportlichen Aktivitäten liegt bei den Durchschnittsbürgern der Ruhe-Puls bei 60 bis 120. In der Herzsportgruppe des TSV Garding haben alle einen Ruhe-Puls von 60 bis 70. Dies liege an den Betablockern, sagt Otto.
"Über den Berg ist man nach einem Infarkt nie"
Es gehe ja nicht darum, wie bei Marathon-Läufern oder anderen Leistungssportlern den Puls durch schnelle Sprints hoch und runter zu bekommen, um die Leistungsfähigkeit zu steigern. In der Koronargruppe geht es um adäquate Bewegung und somit mehr Sauerstoff im Blut. Natürlich, so Otto, könnten einige Herz-Sportler noch mehr für ihre Gesundheit tun: "Abnehmen und sich gesünder ernähren oder weniger Rauchen sind wichtige Präventionsmaßnahmen." Die wenigsten seien dafür aber ansprechbar. Wichtiger ist der Gruppe der Austausch von Informationen: Was sagt die Krankenkasse? Welche Klinik bietet welchen Service?
"Über den Berg ist man nach einem Infarkt nie", sagt einer der Herz-Sportler. Seit 15 Jahren turnt er beim TSV Garding, vor drei Jahren hatte er seinen zweiten Infarkt. Die anderen klopfen ihm aufmunternd auf die Schulter: "Du schaffst das schon." Alle sind hier per Du und alle wissen um die Risiken. Jeder habe ja nur ein Herz und wenn das streike, sei die Verunsicherung groß. Die Gruppe hilft, die Grenzen auszuloten. Heute ist auch ein "Neuer" an Bord: Nach einem Herzinfarkt vor zwei Monaten ist er nun fit fürs Training. "Ich habe auch schon zwei Stents.", "Ich schon drei", rufen sie ihm augenzwinkernd zu.
Heutzutage sind die meisten OPs ja minimal-invasiv, sagt Dr. Otto. Dadurch ist die OP-Naht klein und die Patienten können schon nach wenigen Wochen turnen und zu ihrem Alltag zurückkehren.

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