Mit Schlagern zurück zum alten Leben

Beschäftigungsangebote sind insbesondere für Demenzkranke besonders wichtig.  Foto: km
Beschäftigungsangebote sind insbesondere für Demenzkranke besonders wichtig. Foto: km

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02. August 2012, 03:59 Uhr

Agethorst | Es begann damit, dass die alte Dame jeden Tag ihre Geldbörse suchte. Ihr Etui sei weg, sagte sie, weil ihr das passende Wort nicht mehr einfiel. Mal fand sie die Geldbörse im Gemüsefach des Kühlschranks wieder, ein anderes Mal zwischen ihrer frisch gebügelten Wäsche. Diebe seien im Haus gewesen, behauptete die ältere Dame immer wieder und beteuerte, dass es nicht sie gewesen sei, die die Geldbörse dorthin verlegt hatte. Später dann fielen ihr nicht einmal mehr die Namen ihrer Kinder und Enkelkinder ein, sie vergaß oder verwechselte feste Termine und Geburtstage, wusste nicht mehr, welcher Wochentag war, wurde unsicher, ängstlich, traurig, aber auch mal wütend und aggressiv. Alte Freunde wollte sie nicht mehr sehen, sie gab ihre Hobbys auf und wurde immer einsamer.

"Oft ist das ein schleichender Prozess", weiß Elvira Meyer als Leiterin der Seniorenresidenz Agethorst. Mehr als 20 ihrer Bewohner leiden an einer Demenzerkrankung mit verschiedenen Formen und Verläufen. "Das ist ein breites Thema", unterstreicht auch Pflegedienstleiterin Sigrid Mikolajczyk. Meist seien die ersten Symptome von einer normalen Altersvergesslichkeit kaum zu unterscheiden. Je fortgeschrittener die Krankheit, die im Alter zunehmen kann, desto häufiger schwanken Familie und Freunde zwischen dem Wunsch zu helfen und Überforderung. "Auch die Angehörigen benötigen meist Hilfe", sagt Mikolajczyk und fügt hinzu, dass diese Informationen über das Krankheitsbild, Symptome, Diagnose und Therapie sowie über Möglichkeiten der Betreuung benötigen.

Letztere bieten die Seniorenresidenz wie auch zahlreiche weitere Einrichtungen im Kreis Steinburg ausreichend an. Neben einem Gesprächs- oder Singkreis bieten ausgebildete Fachkräfte auch Gymnastik, Spaziergänge oder Gedächtnistraining an. "Wichtig ist es dabei, bei den Erkrankten Erinnerungen wecken zu können", sagt Meyer und betont, dass bei einer Demenz zunächst das Kurzzeitgedächtnis verblasse. An Dinge und Erlebtes aus früheren Zeiten erinnern sich die Erkrankten meist gut. So werden die Heimbewohner unter anderem mit alten Schlagern oder alten Küchengeräten wieder an das frühere Leben erinnert. "Beschäftigungsangebote sollten den üblichen Rahmen, wie singen, basteln oder Gymnastik übersteigen und sich auch auf alltägliche Verrichtungen beziehen", sagt Meyer und nennt als Beispiele kleine Haus- oder Küchenarbeiten. Wichtig sei daher auch bei der Aufnahme eines an Demenz Erkrankten die biografischen Daten aufzunehmen.

"Je mehr wir über ihn wissen, um so bessere Maßnahmen können wir ergreifen", sagt Meyer, die ihren Demenz-Bewohnern stets mit Wertschätzung und Respekt gegenübertritt, sie ernst nimmt und sie in ihrer belässt.

Neben den ambulanten Pflegediensten und stationären Pflegeeinrichtungen, sollen Wohlfahrtsverbände, niedergelassene Ärzte, Betreuer, Sozialarbeiter, ehrenamtliche Helfer und andere Akteure in den einzelnen Kommunen eingebunden und als Multiplikatoren aktiv werden. Nicht zuletzt sind aber auch die Betroffenen und ihre Angehörigen Teil des Netzwerkes, zu dem unter anderem die DRK Schwesternschaft Ostpreußen in Itzehoe, der ambulante Pflegedienst "Lebenswelt und Pflege" in Glückstadt oder der Verein für Gemeindepflege in Kellinghusen gehören. Weitere Ansprechpartner sind der DRK-Kreisverband Steinburg oder Pflegeheime mit einer gerontopsychiatrischen Abteilung.

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