Mit Nadeln gegen Heuschnupfen

Die Einstiche sind kaum spürbar: Bei der Akupunktur werden äußerst feine Nadeln aus Edelstahl verwendet.
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Die Einstiche sind kaum spürbar: Bei der Akupunktur werden äußerst feine Nadeln aus Edelstahl verwendet.

Dr. Hans-Ulrich Hecker, Allgemeinmediziner und Akupunktur-Experte, nutzt die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)

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26. März 2014, 10:47 Uhr

Klassische Schulmediziner auf der einen Seite, Homöopathen auf der anderen Seite, dazwischen ein tiefer Graben – so sah über lange Zeit das Bild in der Gesundheitsversorgung aus. Doch die Zeit der strikten Trennung geht allmählich zu Ende, überall werden Brücken geschlagen. Die Zahl der ausgebildeten Ärzte wächst, die ganz bewusst auch auf die Naturheilkunde zurückgreifen. „Das hat den Vorteil“, erklärt Dr. Hans-Ulrich Hecker aus Kiel, „dass wir uns dem Patienten von zwei Seiten nähern können“.

Hecker (59) kann sich noch gut an sein Studium erinnern, als ihn viele Kollegen wegen seiner Vorliebe für die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und speziell die Akupunktur belächelten. Doch wie gesagt: Die Zeiten ändern sich. Heute bietet Hecker Fortbildungskurse für Akupunktur bei der Ärztekammer in Bad Segeberg an. Und er freut sich, wenn er einstige Studienfreunde unter den Zuhörern entdecken kann.

In streng begrenztem Rahmen erkennen mittlerweile selbst die Krankenkassen die Vorzüge der Akupunktur an. Das „Nadeln“ gibt es bei der Arthrose im Knie ebenso auf Rezept wie bei der Schmerzbehandlung im Bereich der Lendenwirbelsäule. Allerdings: Wer vergleichbare Beschwerden an der Brust- oder der Halswirbelsäule hat, muss die Akupunktur aus privater Tasche bezahlen. Nach den Vorschriften der privatärztlichen Gebührenordnung sind dann pro Behandlung gut 46 Euro fällig. Das gilt auch für den lästigen Heuschnupfen, der sich mit Beginn der warmen Jahreszeit wieder stark bemerkbar macht.

Dass die Akupunktur hier und in vielen anderen Bereichen Linderung bringt, steht für Hecker außer Frage. Etwa bei der Migräne-Therapie, etwa bei der Linderung des erhöhten Augendrucks, bei Regelschmerzen der Frauen oder sogar bei neurologischen Krankheitsbildern wie dem „restless leg“, dem ruhelosen Bein. „Akupunktur ist allerdings kein Wundermittel“, betont der TCM-Fachmann. „Wir bekommen Parkinson natürlich nicht weg, aber wir können mit Akupunktur den Leidensdruck verringern.“

Hecker verweist in diesem Zusammenhang auf die Ergebnisse einer aktuellen Studie, die die Berliner Charité mit Pollenallergikern durchgeführt hat (siehe Extra-Kasten). Nach seinen Worten wäre es wünschenswert und gerechtfertigt, wenn die Kassen ihre Liste abrechenbarer Akupunktur-Einsätze erweitern würde. Angesichts des harten Sparkurses im Gesundheitsbereich hält Hecker diese Vorstellungen zurzeit aber für wenig realistisch.

Der Kieler Mediziner, der gemeinsam mit vier Kollegen seit 1987 eine Gemeinschaftspraxis in Kiel-Wellsee unterhält, besitzt seit 20 Jahren einen Lehrauftrag für Akupunktur und Naturheilkunde an der Universität in Kiel. Er hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben und war auch beteiligt am „Praxis-Lehrbuch Akupunktur“. Hecker ist ein bisschen stolz darauf, dass dieses Standardwerk in etliche Sprachen übersetzt worden ist und etwa von der angesehenen British Medical Organisacion als „highly commended“ (höchst empfehlenswert) beurteilt worden ist. Er verweist auf den allseits anerkannten TCM-Grundsatz: „Akupunktur kann heilen, was gestört ist, kann aber nicht heilen, was zerstört ist.“ Mit dem Setzen der feinen Nadeln auf die Meridiane, die Reizleiter im menschlichen Körper, gelte es, die „Regulationsfähigkeit zu verbessern“.

Hecker ist überzeugt, dass die Bedeutung von TCM und Akupunktur in den nächsten Jahren noch wachsen wird. Immerhin lege die Charité-Auswertung – „die erste größere hochrangige Studie in diesem Bereich“, wie Hecker sagt – den wissenschaftlichen Beweis nahe, dass Akupunktur allergische Reaktionen des Patienten lindern könne. Er fügt hinzu: „Es tut sich was bei der Anerkennung der Akupunktur auf universitärer Ebene.“

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