Hausärzte : Mehr Mediziner sollen aufs Land

Überall im Land werden Hausärzte dringend gesucht. Foto: dpa
Überall im Land werden Hausärzte dringend gesucht. Foto: dpa

Die Verteilung der Hausarztstellen wird in Zukunft neu geregelt. Grund dafür ist der steigende Bedarf an Nachwuchskräften - auch in Schleswig-Holstein.

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21. Dezember 2012, 12:18 Uhr

Berlin/Kiel | 3.000 zusätzliche Hausarztstellen soll es künftig in Deutschland geben - vor allem in ländlichen Regionen mit Medizinermangel soll dem ärztlichen Nachwuchs der Schritt zur eigenen Praxis schmackhaft gemacht werden. Nach monatelangen Beratungen legte das höchste Gremium im Gesundheitswesen, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken, gestern eine entsprechende Neuplanung des Ärztenetzes vor.
Die Zahl von 3.000 neuen Kassenarztsitzen hört sich imposant an. Doch angesichts von rund 60.000 Hausärzten, die es heute gibt, erscheint sie schon nicht mehr so hoch. Vor allem aber: Schon jetzt können bundesweit rund 2.000 Hausarztstellen nicht besetzt werden, weil junge Mediziner den Schritt in die Selbstständigkeit scheuen. So fehlen zum Beispiel in den Kreisen Dithmarschen und Steinburg jeweils neun Nachfolger für Allgemeinmediziner, die in den Ruhestand gehen wollen oder ihre Kittel bereits an den Nagel gehängt haben.
Zunächst einmal handelt es sich bei dem neuen Bedarfsplan nur um Papier. Die heutigen Planungsregionen für Arztsitze - identisch mit den Kreisen und kreisfreien Städten - gelten als zu groß. Ein Kreis kann offiziell genug Ärzte haben, auch wenn diese nur in der Kreisstadt sitzen und 30 Kilometer entfernt auf dem Land kein Mediziner für die Menschen da ist. Also werden die Planungsgebiete verkleinert - gut 900 neue Niederlassungsmöglichkeiten kommen zu den bundesweit 372 bestehenden hinzu.

Gute Konditionen für Mediziner-Nachwuchs

Zehntausende Mediziner stehen vor dem Ruhestand - davon allein 600 Hausärzte in Schleswig-Holstein. Rund ein Drittel der 1.900 Hausärzte im Norden ist 60 Jahre oder älter. Der Bedarf an Nachwuchskräften steigt also. Doch warum sollten Hausärzte plötzlich aufs Land gehen - etwa nach Nordfriesland oder Dithmarschen - wenn sie doch vielleicht lieber in einer attraktiven größeren Stadt arbeiten wollen?
Die obersten Gesundheitsplaner sind optimistisch und verweisen auf Neuerungen, die bereits Gesetz sind - so die Abschaffung von Regressen bei übermäßiger Medikamentenverordnung in ländlichen Mammut-Praxen. Ärzte, die aufs Land ziehen, können mehr verdienen als ihre Kollegen in Städten. Oder die Aufhebung der Residenzpflicht: Ärzte dürften seit Neuestem auch in einer Stadt wohnen und zur Arbeit in ihre Praxis aufs Land pendeln. Auch die Zulassung von Zweitsitzen wurde erleichtert: In Schleswig-Holstein gibt es bereits 179 "Praxisfilialen".
Damit die Kassenarztstellen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch mit jungen Ärzten besetz werden, wurde andererseits schon 2010 ein Zulassungsstopp für bestimmte Arztgruppen - unter anderem Jugendpsychiater, Nuklearmediziner, Strahlentherapeuten, Neurochirurgen, Humangenetiker, Laborärzte und Pathologen verhängt. Dort sind die Schotten nun dicht - für die Allgemeinmedizin auf dem Land hingegen weiter geöffnet. "Wenn wir nicht wollen, dass Menschen in ländlichen Bereichen mit zunehmender demografischer Entwicklung unterversorgt sind, dann muss der Arzt zum Patienten gebracht werden und nicht umgekehrt", sagt GB-A-Chef Hecken.

Neue Bedarfsplanung schafft klaren Blick

Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) begrüßt die Reform der Bedarfsplanung zur ambulanten medizinischen Versorgung, die zum 1.Januar in Kraft treten soll, warnt aber vor zu hohen Erwartungen. Ziel sei es, die ärztliche und psychotherapeutische Bedarfsplanung flexibler zu gestalten und besser auf regionale Bedürfnisse auszurichten. "Ein Problem war bisher der starre und für alle Arztgruppen einheitliche Zuschnitt der Planungsbereiche, der sich an den Grenzen der Kreise und kreisfreien Städte orientiert", kritisiert Monika Schliffke, die Vorstandsvorsitzende der KVSH.
So genannte Mitversorgereffekte zwischen Stadt und Land seien dadurch kaum berücksichtigt worden: Patienten, die im Umland von Ballungsräumen leben, gehen demnach zwar in der Regel am Wohnort zu ihrem Hausarzt, fahren allerdings zum Facharzt in die Stadt. "Die überarbeitete Bedarfsplanung ist ein Schritt nach vorn und bietet die Chance, die Versorgungswirklichkeit genauer abzubilden", sagte Schliffke. So können KV und Krankenkassen Größe und Zuschnitt der Planungsbereiche ändern.
Um regionalen Versorgungsbesonderheiten besser gerecht zu werden, kann außerdem die bundesweit vorgegebene Verhältniszahl (Einwohner pro Arzt) anders gestaltet werden. Regionale Versorgungsbesonderheiten sind zum Beispiel eine Insellage oder Gebiete, in denen besonders viele ältere Menschen leben, die aufgrund altersbedingter Krankheiten häufiger zum Arzt gehen. Ein Lichtblick: Im Norden wird es auch 40 zusätzliche Stellen für Psychotherapeuten geben.

Ein Stück harte Arbeit in der Zukunft

"Die neue Bedarfsplanung schnitzt uns keine neuen Ärzte", warnt Schiffke vor zu viel Euphorie. Die Reform allein reiche nicht aus, um Ärztemangel zu bekämpfen. Vielmehr müsse die Niederlassung für junge Mediziner attraktiver werden. Hauptziel bleibe die Nachbesetzung so genannter "Versorgerpraxen". Das sind Praxen, die aufgrund ihrer Lage und ihrer hohen Patientenzahlen eine wesentliche Bedeutung für die medizinische Versorgung ganzer Landstriche haben.

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