Internetportal : Medizinerkauderwelsch besser verstehen

Das Gründertrio: Anja Kersten, Johannes Bittner, Ansgar Jonietz (v.l.). Foto: Amac Garbe
Das Gründertrio: Anja Kersten, Johannes Bittner, Ansgar Jonietz (v.l.). Foto: Amac Garbe

Medizinstudenten und Ärzte übersetzen beim Internetportal "washabich.de" medizinische Fachbegriffe in Alltagassprache - ehrenamtlich. Auch Schleswig-Holsteiner helfen mit.

shz.de von
02. Juli 2013, 06:02 Uhr

Flensburg | Das Projekt liegt Patricia Neugebauer am Herzen. Sogar so sehr, dass sie ihre wenige Freizeit dafür opfert. Sie studiert Medizin in Kiel. Doch noch bevor sie ihr Studium abgeschlossen hat, hilft sie schon Patienten aus ganz Deutschland. Sie engagiert sich ehrenamtlich bei "Was hab ich?" - einem medizinischen Internetportal. Neugebauer hilft Menschen dabei, einen Befund zu verstehen, wenn dieser nur aus lateinischem Vokabular besteht.
Die Internetseite verfolgt ein klares Prinzip: Der Patient lädt seinen Befund in das Portal "washabich.de" hoch und bekommt über einen verschlüsselten Link seinen Befund in einfacher Sprache zurück. Bei der Umsetzung engagieren sich derzeit etwa 600 Medizinstudenten und Ärzte. Auch der Norden ist aktiv. Neben Patricia Neugebauer arbeiten derzeit drei weitere Kieler Studenten mit, fünf kommen aus Hamburg, drei aus Lübeck.

Das Verstehen der eigenen Erkrankung ist grundlegend

"Die Idee ist entstanden, da wir immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass befreundete Medizinstudenten zu Diagnosen befragt worden sind. Was aber machen diejenigen, die keine Mediziner zu ihrem Freundeskreis zählen?", erklärt Ansgar Jonietz, einer der drei Gründer der gemeinnützigen Organisation zum Hintergrund des Konzeptes. Für die Kieler Studentin Patricia Neugebauer war schnell klar: "Die Plattform ist wichtiger denn je, da der Ärztemangel allgegenwärtig ist." Oftmals fehle die Zeit, einen Befund ausführlich und in all seiner Bedeutung zu erklären.
Arzt und Patient sollen sich auf Augenhöhe begegnen, betont Jonietz. Ein partnerschaftliches Verhältnis setze voraus, dass der Patient seine Erkrankung versteht. Er soll so an Entscheidungen teilhaben, und Empfehlungen des Arztes besser umsetzen können. Für den Diplom-Informatiker steht der gleichzeitige Nutzen für den Patienten und die Studenten der 2011 gegründeten Website an erster Stelle. Patienten könnten sich kostenfrei informieren, gleichzeitig funktioniert "Was hab ich?" aber auch als Aus- und Weiterbildungsplattform für die Jungmediziner. Sie würden für einen wichtigen Aspekt sensibilisiert: Die patientengerechte Sprache. Diese Fähigkeit gehe meist irgendwo zwischen Physikum und Facharztprüfung verloren. Den Gedanken kann Patricia Neugebauer, die im zwölften Semester Medizin studiert, nur zu gut verstehen. "Eine Diagnose verständlich zu übermitteln, ist ein anderer Anspruch als mit Medizinern zu sprechen."

Bis zu 150 Diagnosen pro Woche

Bereits über 13.000 Befunde konnten seit dem Start der durch viel Engagement und Spenden getragenen Website erfolgreich übersetzt werden. Bis zu 150 seien es pro Woche, erklärt Jonietz. Das sei immer ein wenig abhängig von den zur Verfügung stehenden Übersetzungskapazitäten. "In Prüfungszeiten ist es dann auch mal weniger als an anderen Tagen, schließlich sind es ja hauptsächlich Studenten, die sich hier in ihrer Freizeit engagieren. Aber auch der pensionierte Chefarzt oder die Ärztin im Mutterschutz bringen sich ehrenamtlich ein", erläutert der 29-Jährige.
Das Portal ist ein interaktives Netzwerk. Die Medizinstudenten - alle mindestens im achten Semester ihres Medizinstudiums - haben bei Fragen immer die Möglichkeit, auf das Wissen von erfahrenen Ärzten zurückgreifen zu können. Auch zwei Psychologen gehören zum Team.

"Sehr rührende Geschichten"

Hat der Nutzer im virtuellen Wartezimmer Platz genommen, erhält er nach wenigen Tagen seinen erklärten Befund zurück. Wichtig ist dabei, dass das Portal eine reine Befundübersetzung leistet. Es bietet keine Zweitmeinung oder Therapieempfehlung. Wenn eine Beratung des Nutzers angebracht ist, wird in einzelnen Fällen an die Unabhängige Patientenberatung (UPD) verwiesen.
"Die Rückmeldungen, die wir im Nachhinein bekommen, sind sehr positiv und dankbar. Bei ernsthaften Diagnosen sind das häufig sehr rührende Geschichten. Bei einem Krebs im Endstadium fällt es vielleicht erstmal schwer zu erkennen, dass man mit der Übersetzung geholfen hat. Aber auch in derartigen Fällen habe ich häufig die Erfahrung gemacht, dass ein verständlicher Befund die Grundlage dafür ist, die Erkrankung aufzuarbeiten", sagt Neugebauer. In der Tat, das Projekt liegt ihr am Herzen.

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