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Männergesundheit : Männer sind Vorsorgemuffel

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Das Auto wird besser gewartet als der eigene Körper: Früherkennungsuntersuchungen sind bei vielen männlichen Patienten unbeliebt.

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erstellt am 23.Mai.2013 | 02:51 Uhr

Bordesholm | Wenn die Fußball-Nationalmannschaft spielt, wird wegen Verdacht auf Herzinfarkt fast dreimal so häufig der Notarzt gerufen wie sonst, schreibt die Betriebskrankenkasse (BKK). Und Herbert Grönemeyer sang schon 1984: "Männer stehn ständig unter Strom". Aber an diesen Klischees ist etwas dran. Männer ernähren sich schlechter als Frauen, rauchen und trinken mehr und gehen seltener zu Vorsorgeuntersuchungen. Böse Zungen behaupten sogar, dass die Herren in der Gesellschaft ihr Auto öfter inspizieren lassen als den eigenen Körper.
Was jedoch nach bloßen Vorurteilen klingt, kann durch Fakten belegt werden: Laut der BKK nehmen nur 24 Prozent der Männer die Krebsfrüherkennungsuntersuchung in Anspruch - obwohl jedes Jahr 64.000 Männer am Prostata-Karzinom, der häufigsten Krebsart, erkranken. Doch trotzdem scheint es immer noch ein Hindernis zu sein, offen über die eigenen gesundheitlichen Probleme und Beschwerden zu sprechen.

Zu spät zum Arzt


Allgemeinmediziner Dr. Axel Nelke aus Bordesholm sieht den Grund dafür in der "anderen eigenen Wahrnehmung": "Frauen sind Vorsorgeuntersuchungen durch den Gynäkologen gewöhnt. Deshalb gehen sie mit dem Thema offener um." Präventionskurse würden von 80 Prozent der Frauen besucht. Männer dagegen würden sich einreden, "dass das, was von allein kommt, auch von allein wieder geht". Doch dem sei nicht so. "Männer suchen erst einen Arzt auf, wenn es nicht mehr anders geht." Nicht selten würden auf diese Weise ursprünglich harmlose Krankheiten verschleppt.
Männer, die in seine Praxis kommen, hätten ganz verschiedene Beschwerden, so Nelke. Grippe, Schmerzen, Herzinfarkt - alles sei dabei. Darmspiegelungen seien ein besonders unbeliebtes Thema. Nelke erzählt, dass sich einige seiner Patienten auch nach mehreren Aufklärungsgesprächen gegen diese präventiven Untersuchung sperrten. Und erst nachgäben, wenn die Krankheit den Körper bereits befallen habe. Oder wenn die Ehefrau einen Untersuchungstermin vereinbare. "Doch dann ist es oft zu spät."

Immer mehr seelische Probleme


Das größte Problem, mit dem viele Ärzte zu kämpfen haben, sind jedoch Depressionen. Auch der Rendsburger Diplom-Psychotherapeut Johannes Vennen setzt sich damit täglich auseinander. Jeder zweite seiner männlichen Patienten leidet an der Krankheit, die erst seit dem Suizid von Hannover 96-Torwart Robert Enke 2009 in der Öffentlichkeit breiter thematisiert wurde. Vennen hat eine Zunahme von Depressionen beobachtet. Schon in den letzten 20 Jahren seien sie der Grund für 90 Prozent aller Krankschreibungen gewesen, stellt er fest. Aktuell leiden in Deutschland nach Angaben der BKK ungefähr fünf bis sechs Millionen Menschen an einer Depression. Besorgniserregend: Nur bei der Hälfte aller depressiven Patienten wird die Krankheit vom Hausarzt erkannt.
Die beiden Ärzte sehen aber einen "gesundheitlichen Wandel" bei den Männern. Während "mann" noch vor einiger Zeit den Körper instrumentalisiert und Schmerzen verdrängt habe, herrsche heute "ein moderneres Rollenverständnis" vor. Ein Beruf mit ausreichend Zeit für die Familie werde immer häufiger gesucht. Was im ersten Moment gar nicht schlecht klinge, habe jedoch einen Nachteil: Durch die Rolle als Ehemann und Vater bleibe die Gesundheit oft auf der Strecke. Genau an dem Punkt wollen Nelke und Vennen ansetzen. Sie haben ihre Sprechstunde an die Arbeitszeiten ihrer männlichen Patienten angepasst. Viele könnten einen Praxisbesuch mit ihrem Terminkalender nicht vereinbaren, denn 90 Prozent sind berufstätig. Hinzu käme, dass sich einige schämten, am Arbeitsplatz einen Arztbesuch anzukündigen.

Männer brauchen Anregung


Vennen bietet zusätzlich zu den Wochentagen am ersten Sonnabend im Monat eine Männersprechstunde an, die sehr gut angenommen wird, wie er selbst sagt. "Vor 150 Jahren wäre dies nicht nötig gewesen, denn damals hatten die Menschen mehr Kontakt zu ihrem Arzt", sagt Nelke lachend. Präsent ist das Thema jedoch in der Öffentlichkeit. In regelmäßigen Abständen finden bundesweit Männergesundheitskongresse statt, im Januar startete der erste Männergesundheitstag in Kiel - initiiert von Johannes Vennen und Axel Nelke. Außerdem informieren verschiedene Krankenkassen im Internet über den "Patienten Mann". Das Internet ist laut Nelke ein wichtiges Aufklärungsmedium, denn gerade Männer nutzen die Technik für ihre Zwecke. Das bestätigt auch Vennen. Er selbst bindet die modernen Medien wie Smartphone und Tablet ständig in seine Sprechstunde mit ein.
Der Männergesundheitstag habe nach Angaben der Organisatoren bei vielen Menschen Spuren hinterlassen. Einigen sei klar geworden, dass Krankheit "nichts mit Versagen oder Schwäche zu tun hat". Und oft seien sie bereit dazu, einen gesunden Lebensstil zu führen. Doch dafür brauchten sie Anregungen und Unterstützung. Nicht zuletzt, um ihr Vertrauen in das Gesundheitswesen zu stärken - damit sie künftig zu den Vorsorgeuntersuchungen gehen.
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