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Ernährung & Gesundheit

23. Oktober 2017 | 16:24 Uhr

Männer sind Vorsorgemuffel

vom

Das Auto wird besser gewartet als der eigene Körper: Früherkennungs-Untersuchungen sind bei männlichen Patienten unbeliebt

shz.de von
erstellt am 23.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Bordesholm | Wenn die Fußball-Nationalmannschaft spielt, wird wegen Verdacht auf Herzinfarkt fast drei Mal so häufig der Notarzt gerufen wie sonst, schreibt die Betriebskrankenkasse (BKK). Und Herbert Grönemeyer sang schon 1984: "Männer stehn ständig unter Strom". Aber an diesen Klischees ist etwas dran. Männer ernähren sich schlechter als Frauen, rauchen und trinken mehr und gehen seltener zu Vorsorgeuntersuchungen. Böse Zungen behaupten sogar, dass die Herren in der Gesellschaft ihr Auto öfter inspizieren lassen als den eigenen Körper.

Was jedoch nach bloßen Vorurteilen klingt, ist durch Fakten belegt. Laut der Betriebskrankenkassen (BKK) nehmen nur 24 Prozent der Männer die Krebsfrüherkennungsuntersuchung in Anspruch - obwohl jährlich 64 000 von ihnen am Prostata-Karzinom, der häufigsten Krebsart, erkranken. Trotzdem scheint es immer noch ein Hindernis zu sein, offen über die eigenen gesundheitlichen Probleme zu sprechen. Allgemeinmediziner Dr. Axel Nelke aus Bordesholm sieht den Grund dafür in der "anderen eigenen Wahrnehmung": "Frauen sind Vorsorgeuntersuchungen durch den Gynäkologen gewöhnt", erklärt er. "Deshalb gehen sie mit dem Thema offener um." Präventionskurse würden von 80 Prozent der Frauen besucht. Männer dagegen redeten sich ein, "dass das, was von allein kommt, auch von allein wieder geht". Doch dem sei nicht so. "Und dann suchen sie erst einen Arzt auf, wenn es nicht mehr anders geht." Nicht selten würden auf diese Weise harmlose Krankheiten verschleppt.

Männer, die in seine Praxis kommen, hätten ganz verschiedene Beschwerden, so Nelke. Grippe, Schmerzen, Herzinfarkt - es sei "alles dabei". Ein besonders unbeliebtes Thema seien Darmspiegelungen. Auch nach mehreren Aufklärungsgesprächen sperrten sich einige Patienten noch gegen diese präventive Untersuchung. "Sie geben erst nach, wenn die Krankheit den Körper bereits befallen hat. Oder wenn die Ehefrau einen Arzttermin vereinbart. Doch dann ist es oft zu spät."

Das größte Problem, mit dem viele Ärzte zu kämpfen haben, sind jedoch Depressionen. Auch der Rendsburger Diplom-Psychotherapeut Johannes Vennen setzt sich damit täglich auseinander. Jeder zweite seiner männlichen Patienten leidet an der Krankheit, die erst seit dem Suizid von Hannover 96-Torwart Robert Enke 2009 in der Öffentlichkeit breiter thematisiert wurde. Vennen hat eine Zunahme der Depressionen beobachtet. Schon in den letzten 20 Jahren seien sie der Grund für 90 Prozent aller Krankschreibungen gewesen, stellt er fest. Aktuell leiden nach Angaben der BKK in Deutschland ungefähr fünf bis sechs Millionen Menschen darunter. Besorgniserregend: Nur bei der Hälfte aller depressiven Patienten wird die Krankheit vom Hausarzt erkannt.

Vennen und Nelke registrieren jedoch einen "gesundheitlichen Wandel" bei den Männern. Während "mann" noch vor einiger Zeit den Körper instrumentalisiert und Schmerzen verdrängt habe, herrsche heute ein "moderneres Rollenverständnis" vor. Ein Beruf mit ausreichend Zeit für die Familie sei immer stärker gefragt. Doch zunächst nicht schlecht klinge, habe auch einen Nachteil: Durch die Rolle als Ehemann und Vater bleibe die Gesundheit oft auf der Strecke.

Genau an dem Punkt wollen Nelke und Vennen ansetzen: So haben sie ihre Sprechstunde an die Arbeitszeiten ihrer männlichen Patienten angepasst. Viele könnten einen Praxisbesuch mit ihrem Terminkalender sonst nicht vereinbaren, 90 Prozent sind berufstätig. Hinzu käme, dass sich einige schämten, an ihrem Arbeitsplatz einen Arztbesuch anzukündigen. Vennen bietet zusätzlich am ersten Sonnabend im Monat eine Männersprechstunde an, die sehr gut angenommen wird, wie er selbst sagt. "Vor 150 Jahren wäre dies nicht nötig gewesen, denn damals hatten die Menschen mehr Kontakt zu ihrem Arzt", sagt Nelke lachend.

Präsent ist das Thema jedoch in der Öffentlichkeit: Regelmäßig finden bundesweit Männergesundheitskongresse statt, im Januar startete der erste Männergesundheitstag in Kiel - initiiert von Johannes Vennen und Axel Nelke. Außerdem informieren Krankenkassen im Internet über den "Patienten Mann". Das Internet ist laut Nelke ein wichtiges Aufklärungsmedium, denn gerade Männer nutzen die Technik für ihre Zwecke. Das bestätigt Vennen, der moderne Medien wie Smartphone und Tablet in seine Sprechstunde einbezieht.

Der Männergesundheitstag habe nach Auskunft der Organisatoren bei vielen Menschen Spuren hinterlassen: Einigen sei klar geworden, "dass Krankheit nichts mit Versagen zu tun hat". Und oft seien sie bereit dazu, einen gesünderen Lebensstil zu führen. Doch dafür bräuchten sie Anregungen und Unterstützung. Nicht zuletzt, um ihr Vertrauen in das Gesundheitswesen zu stärken - damit sie künftig zu Vorsorgeuntersuchungen gehen.

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