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Ernährung & Gesundheit

21. Oktober 2017 | 23:44 Uhr

Linkshänder nicht auf rechts trimmen

vom

shz.de von
erstellt am 08.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Flensburg/itzehoe | Die "böse Hand" wird nicht mehr auf den Rücken gebunden, um sie am Schreiben zu hindern, und Schläge darauf gibt es auch nicht mehr. Der erste Löffel jedoch wird Kleinkindern meist immer noch in die rechte Hand gedrückt; auch beim Händedruck zur Begrüßung ist die linke unerwünscht. "Etwa seit den 1980er Jahren werden linkshändige Kinder nicht mehr radikal umerzogen", sagt die zertifizierte Linkshänderberaterin Sibylle Ballenberger. "Doch ein subtiler, emotionaler Druck wird immer noch oft ausgeübt." Dabei ist die Händigkeit angeboren - und eine Umerziehung für den Betroffenen oft mit negativen Folgen für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit verbunden.

"Die Händigkeit hängt davon ab, welche Hälfte des Gehirns dominant ist", sagt Ballenberger, die in Flensburg und Itzehoe Beratungen und Weiterbildungen unter anderem für pädagogische Berufe anbietet. Bei Linkshändern sei dies die rechte Hirnhälfte, die die Motorik der linken Körperhälfte steuere. "Werden sie umtrainiert, bedeutet das eine ständige Fehlbelastung des Gehirns." Gedächtnisstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten, Lese- und Rechtschreibstörungen, Probleme beim Sprechen und in der Feinmotorik können die Folgen sein. "Viele Kinder leiden außerdem unter Minderwertigkeitskomplexen und psychosomatischen Störungen, sie ziehen sich zurück oder kaspern herum, um ihre Unsicherheit zu überspielen."

Die Expertin vergleicht das Gehirn eines "Umgepolten" mit einem "unaufgeräumten Schreibtisch": "Sie erreichen auch im Erwachsenenalter nie das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit, die sie eigentlich hätten."

Eltern sollten ihren Kindern darum beim Malen, Essen oder Zähneputzen nicht vorgeben, welche Hand sie benutzen. Werde immer wieder zwischen beiden Seiten gewechselt, müsse mit Hilfe eines Händigkeitstests geklärt werden, welche Hand die dominante sei, rät Wallenberger. "Oft gucken sich Kinder von Eltern, Geschwistern oder Gleichaltrigen ab, die rechte zu benutzen, obwohl es nicht ihre starke Hand ist", sagt Ballenberger. "Dann beginnen spätestens in der Schule die Schwierigkeiten." Bei unklarer Dominanz sei darum ein Test im Alter von viereinhalb bis fünf Jahren, spätestens ein Jahr vor der Einschulung ratsam.

Oft seien bei häufigem Handwechsel andere motorische Probleme mit im Spiel, die eine Ergo- oder Physiotherapie erforderlich machten. "Bei einem gesunden Kind ist die Händigkeit spätestens im Alter von drei Jahren klar zu erkennen." Sibylle Ballenberger rät Eltern, rechtzeitig mit der Schule zu klären, ob die Lehrkräfte auf linkshändige Kinder eingestellt sind. Notwendig sei etwa eine spezielle Schreibunterlage. "Viele Schulen haben sich inzwischen auf Linkshänder eingestellt, doch es gibt immer noch beratungsresistente Lehrer, die die Kinder umgewöhnen möchten."

Dass es am passenden Arbeitsmaterial und Werkzeug hapert, erschwert auch heute noch vielen Erwachsenen den Alltag, weiß Ballenberger: Die linkshändige Fleischereifachverkäuferin könne an der Schneidemaschine nicht arbeiten; Zahnarztstühle für Linkshänder seien an den Unis immer noch eine Seltenheit. Auf Benachteiligungen und Belange von Linkshändern hinzuweisen, ist auch das Ziel des 1976 ins Leben gerufenen Weltlinkshändertags am kommenden Dienstag.

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