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Organtransplantation : Kulturschock und ein neues Leben

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Auf Haiti ist Astrid Voigt-Plegers Diabetes diagnostiziert, jedoch später vernachlässigt worden – zwei neue Organe hielten schlimmere Folgen auf.

shz.de von
erstellt am 19.Jun.2013 | 06:26 Uhr

Flensburg | Astrid Voigt-Pleger hat gerade ihren 43. Geburtstag gefeiert. Ihre gesunde Niere und ihre gesunde Bauchspeicheldrüse aber ssind erst 19 Jahre alt. Abgesehen vom Geschlecht - weiblich - weiß die transplantierte Flensburgerin nicht mehr über ihre Organ-Spenderin. Überzeugt ist sie dennoch, dass "man immer an diesen Spender denken muss; man vergisst ihn nicht". Der jungen Frau verdankt Astrid Voigt-Pleger das Ende ihres Diabetes, den Erhalt ihres rechten Augenlichts und ein gesundes Gefühl. Mit ihrer positiven Geschichte will die Frohnatur Mut machen und zum Nachdenken anregen. Die Spenderin habe alle Organe gespendet. "Ich finde das ganz toll", sagt Voigt-Pleger und betont: Wichtig sei, "dass jeder für sich selbst eine Entscheidung trifft", sich zuvor informiere und nachdenke.
Ihre Zuckerkrankheit schickte sie als Fünfjährige ins Koma, erinnert sich Voigt-Pleger. Da seien ihren Eltern und sie gerade erst auf Haiti angekommen. "Keiner wusste, was ich habe", erinnert sie sich an die Ratlosigkeit im Krankenhaus - bis endlich ein Arzt gefunden ward und erkannte: "Sie hat Zucker." Zunehmende Müdigkeit signalisierte im Jahr 1999 erkrankte Nieren. Der Wert, der die Eiweißausscheidung messe, sei stets kurz unterhalb des Grenzwerts für die Dialysepflicht geschwankt. Zehn Jahre nach den ersten Symptomen gelangte Voigt-Pleger auf die Transplantationsliste. Dennoch habe sie weiterhin gearbeitet. "Das hat mir geholfen, nicht darüber nachzudenken", sagt die Groß- und Außenhandelskauffrau. "Mein Nephrologe fand das toll."

Kulturschock in Deutschland

Sie ist auf Haiti aufgewachsen und erwarb dort ein französisches Abitur. Ihr Vater sei in der Entwicklungsarbeit aktiv gewesen und habe die Familie auch nach Mauretanien und Gambia sowie in den Senegal geführt. Zum Studieren sollte sie nach Deutschland gehen. Doch aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme musste sie das Jura-Studium in Kiel kurz vor dem ersten Staatsexamen abbrechen. Die Lehre in Flensburg hingegen vollendete sie und kümmert sich seither eloquent um die französisch-sprachige Kundschaft eines Tönninger Herstellers von Torantrieben und Schrankensystemen. "Als ich nach Deutschland kam mit 19, habe ich einen Kulturschock bekommen", erinnert sie und dass sie sich erst allmählich an die fremde Heimat gewöhnte. Vor allem, dass die Deutschen ihr Leben "nicht so mit Leichtigkeit nehmen", sei ihr aufgefallen.
Voigt-Pleger spricht mit Bewunderung von den Haitianern, die in Wellblechhütten wohnen mögen und dennoch im blütenweißen Hemd Gäste empfangen. Ihr Vater habe sie als Kind hin und wieder mal in die Slums von Haiti, die er sanieren sollte, mitgenommen. "Die Haitianer sind Stehaufmännchen", sagt die Flensburgerin, die gern lacht. Sie hat die frohgemute Mentalität verinnerlicht. "Gerade, wenn man so krank ist, muss man das Beste daraus machen", erklärt sie und beobachtet: "Die meisten Menschen, die schwer krank sind, machen das so."

Lebensbedrohliche Unterzuckerungen

Dr. Thomas Mehrens, Nephrologe in Heide, erklärt, dass die Patientin "an einem jugendlichen Typ 1 Diabetes" gelitten habe, und zwar seit ihrem achten Lebensjahr. "Insbesondere mit dem Fortschreiten der Nierenschwäche auf 20 Prozent der normalen Funktion eines Gesunden wurden eine optimale Blutzucker-Einstellung schwierig bis unmöglich. Es kam zu Überzuckerungen und auch zu lebendsbedrohlichen Unterzuckerungen." Bei Diabetes-Typ-1- Patienten bestünde die Möglichkeit, sie noch vor Erreichen der Dialyse-Pflicht zu transplantieren. "Dieses ist die Ausnahme", betont der Nephrologe Mehrens und dass bei Astrid Voigt-Pleger anderenfalls eine Nierenersatztherapie in Form der Bauchfelldialyse unmittelbar bevorgestanden hätte.
Die schwierige Operation habe sie sehr gut überstanden. Sowohl das Nieren- als auch das Bauchspeicheldrüsen-Transplantat arbeiteten optimal. Eine Insulintherapie sei nicht nötig. Die Infektionsgefahr werde Tag für Tag geringer, sagt Mehrens.Die Nachlässigkeit im Umgang mit ihrer Erkrankung in der Jugend und im Studium macht sie verantwortlich für ihre folgenden Augen-Operationen aufgrund von Retinopathien. Das linke Auge ist verloren, das rechte gerettet. "Ich war eine Zeit lang blind", drei Monate lang, sagt Voigt-Pleger. Ein Teil des Ponys ihrer modischen Frisur mit Strähnchen verdeckt das linke Auge. Sie achtet auf sich. "Ich rauche nicht, ich trinke nicht", sagt sie, besucht zwei Literaturkreise und macht Qigong. "Das hat mir sehr geholfen. Ich glaube daran, dass es eine innere Heilung geben kann - man muss sie nur aktivieren."

Wieder arbeiten - schon im September

Die vier Jahre, die sie auf der Transplantationsliste war, habe sie enorm unter Druck gestanden, erinnert sich Astrid Voigt-Pleger und, dass sie stets das Mobiltelefon mitnahm. Das half ihr nichts, als der erste Anruf kam. "Ich war in Skagen und konnte nicht los", berichtet sie. Zu Jahresbeginn dann hatte sie im Gefühl, dass wieder ein Anruf bevorstand. "Am 17. Februar um 19.23 Uhr riefen sie an", weiß Voigt-Pleger genau und dass sie um 4 Uhr morgens in den OP kam. Die Operation habe sieben Stunden gedauert, und als sie aufgewacht sei, habe sie ihren Mann gesehen und die Daumen gehoben. Für ihren Falk sei die Zeit schrecklich gewesen. Schon am Tag nach der OP wollte die Patientin aus dem Bett. Und ab September will sie wieder arbeiten. Nur nicht stehen bleiben.Antje Walther

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