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Im Interview : Krebs betrifft das ganze Umfeld

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Jährlich erkranken in Schleswig-Holstein etwa 20.000 Menschen an Krebs. Eine Chemotherapie kann helfen, aber eben nicht immer heilen.

Die Chemotherapie sei ein wertvoller Baustein, um Krebs zu heilen, Beschwerden zu lindern und Lebenszeit zu schenken, sagt Dr. Janka Benk. Sie ist Oberärztin des St. Franziskus-Hospitals in Flensburg. Gemeinsam mit der Chefärztin Prof. Dr. Nadezda Basara klärt sie im Interview über die Folgen und Entwicklungen der Chemotherapie auf.
Wie erfolgreich ist die Chemotherapie bei Krebserkrankungen?
Dr. Benk: Bei Leukämie ist sie das einzig wirksame Therapieprinzip, und wir haben damit große Heilungserfolge. Bei anderen Tumoren wie Darmkrebs oder Lungenkrebs kann die Chemotherapie einen günstigen Einfluss auf die Beschwerden oder das Überleben haben, aber leider nicht heilen.
Sind die Medikamente (Zytostatika) oder deren Dosierung in den letzten Jahren verändert worden?
Prof. Basara: In der Entwicklung der Krebstherapie hat man mit sehr hohen Dosen angefangen, die starke Nebenwirkungen hatten. Daraufhin wurde bis zum gewünschten Effekt geringer dosiert. Um eine Heilung zu erreichen, müssen viel stärkere Dosierungen gegeben werden, als wenn es um Symptomlinderung geht.
Heute wird die Chemotherapie fast immer ambulant gemacht. Wie stellt sich da die Begleitung für den Patienten dar?
Dr. Benk: Vor der Chemotherapie finden umfangreiche Beratungsgespräche statt, dann folgen die Begleitmedikamente zur Optimierung der Verträglichkeit. Der Patient erhält etwa Infusionen, um die Nieren durchzuspülen, vorbeugend Medikamente gegen Übelkeit. Es gibt heute so wirksame Arzneien, dass eigentlich niemand mehr unter Übelkeit leiden muss. Allerdings glauben viele Patienten, sie müssten die Nebenwirkungen klaglos hinnehmen und teilen diese dem medizinischen Personal nicht mit. Außerdem erhält der Patient Telefonnummern, unter denen er auch nachts Hilfe erhalten kann.
Vor den Nebenwirkungen haben die meisten Patienten Angst. Vor allem Schleimhautveränderungen im Mund werden oft genannt. Wie ist da der heutige Stand der Medizin?
Prof. Basara: Es gibt wirksame Spülungen, die zusätzlich ein Schmerzmittel beinhalten und so diese unangenehme Situation im Mund erträglicher machen. Außerdem soll mit der Gabe von Eiswürfeln während der Infusionen verhindert werden, dass die Zytostatika die Zellen in der Mundschleimhaut erreichen und so die Veränderungen gar nicht auftreten.
Wie sieht es mit Langzeitschäden aus, etwa Nervenschädigungen durch die Chemotherapie?
Dr. Benk: Bestimmte Substanzen können Nervenschädigungen an den Fingern oder Zehen verursachen. Das kann dann zu Kribbeln oder Taubheitsgefühlen führen, die die Patienten Monate oder Jahre begleiten können. Bei einigen Menschen bilden sich diese Schädigungen nie vollständig zurück. Hier ist der Arzt gefordert und sollte schon während der Behandlung nach solchen Symptomen fragen, um dann die Medikamente anzupassen.
Krebspatienten klagen oft über Erschöpfungserscheinungen, der sogenannten Fatigue. Wie sind da Ihre Erfahrungen?
Dr. Benk: Es kann schon während der Chemotherapie zum chronischen Erschöpfungssyndrom kommen, und viele Patienten begleitet das eine lange Zeit. Auch wenn sie als geheilt gelten, können Einschränkungen durch die Fatigue das weitere Leben beeinflussen. Leider gibt es noch keine wirksamen Mittel dagegen.
Prof. Basara: Nicht nur die Patienten, auch deren Angehörige können am Erschöpfungssyndrom leiden, hat eine neue Studie festgestellt. Eine Krebserkrankung trifft immer das ganze Umfeld eines Menschen.
Kann man Krebs vorbeugen?
Prof. Basara: Gezielte Vorsorgemaßnahmen gibt es leider nicht. Wie für andere kranke Menschen und für Gesunde gibt es nur die Möglichkeit, sich viel zu bewegen und gesund zu ernähren.

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erstellt am 09.Aug.2012 | 11:15 Uhr

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