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Ernährung & Gesundheit

17. Dezember 2017 | 03:57 Uhr

Krankheit mit tausend Gesichtern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

120 000 Menschen sind an Multipler Sklerose erkrankt / Neue Medikamente gegen die chronische Nervenentzündung geben Hoffnung

shz.de von
erstellt am 19.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Ihr Freund ging joggen, Claudia Lehmann radelte, wie immer, nebenher. Es war ein Abend wie jeder andere – bis die damals 23-Jährige das Gleichgewicht plötzlich nicht mehr halten konnte. „Ich habe geschwankt wie eine Betrunkene und bin mit dem Fahrrad gestürzt“, erinnert sie sich. So unvermittelt die ersten Symptome sie überfielen, so hart traf sie die Diagnose, die wenige Wochen später im Westküstenklinikum (WKK) in Heide gestellt wurde. Claudia Lehmann leidet unter Multipler Sklerose (MS): einer chronisch entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems, also von Gehirn und Rückenmark.

„Die Entzündungen zerstören nach und nach die Myelinschicht aus Fetten und Eiweißen, die die Nervenfasern umhüllen“, erklärt Sabine Kalwa, Oberärztin der Klinik für Neurologie am WKK. Abwehrzellen, die sonst fremde Erreger angreifen, richten sich gegen körpereigenes Gewebe – die multiple Sklerose zählt darum zu den sogenannten Autoimmunerkrankungen. „An den betroffenen Stellen der Isolierschicht werden Impulse in den Nerven- und Körperzellen nicht mehr richtig weitergeleitet, auch die Nervenfasern selbst werden beschädigt.“

Gestörte Empfindungen wie Taubheitsgefühle und Kribbeln, Muskelschwäche und Lähmungen in Armen und Beinen sind die Folgen. Etwa drei Viertel aller Multiple Sklerose-Patienten leiden auch unter Sehstörungen, etwa weil der Sehnerv entzündet ist. „Die Symptome sind vielfältig, die Verläufe ganz unterschiedlich“, sagt Sabine Kalwa. Darum gelte die Multiple Sklerose auch als „Krankheit mit Tausend Gesichtern“. Sie ist die häufigste entzündliche Erkrankung des Nervensystems; etwa 120 000 Menschen in Deutschland leben damit. Frauen sind dreimal so häufig betroffen wie Männer. Meist bricht die – noch unheilbare – Krankheit im Alter zwischen 20 und 40 Jahren aus. Die Ursachen sind noch unklar. „Genetische Faktoren sind mitverantwortlich, aber auch Infektionen scheinen eine Rolle zu spielen“, erklärt Dr. Johann Hagenah, Chefarzt der Klinik für Neurologie am WKK.

Meist verläuft die Multiple Sklerose in Schüben, die Tage oder Wochen andauern können. „Anfangs bilden sich die dadurch ausgelösten Symptome wieder zurück“, erklärt Sabine Kalwa. „Bestehen sie länger, kommt es zu dauerhaften Ausfallerscheinungen.“ Beim chronischen Verlauf schreiten die Beschwerden beziehungsweise Behinderungen dagegen schleichend, aber stetig voran.

Behandelt werden akute MS-Schübe mit Kortisoninfusionen, die die Symptome eindämmen. Schlägt das Kortison nicht an, kann eine Blutwäsche helfen. Die dauerhafte Basistherapie mit Interferonen soll die Schubfrequenz reduzieren und, im Idealfall, vollständig verhindern: Diese Wirkstoffe, die in die Haut oder Muskeln gespritzt werden, beeinflussen das Immunsystem, indem sie die Botenstoffe der Entzündung hemmen. „Wichtig ist, mit der Basistherapie früh zu beginnen, um die Entwicklung möglichst positiv beeinflussen zu können“, betont Johann Hagenah.

Auch Claudia Lehmann bekam zunächst Interferon – das auf Dauer aber nicht gegen die „extremen“ Schübe half. „Ich habe gesprochen, als hätte ich eine Wolldecke im Mund, teilweise konnte ich meine eigene Schrift nicht lesen, weil meine Hände so gezittert haben“, erinnert sich die Dithmarscherin. Neben ständiger Müdigkeit – einer der zahlreichen Nebenwirkungen des Medikaments – bereitete ihr das Gehen die größten Probleme: Bis heute ist sie außerhalb ihrer Wohnung meist mit einem Rollator unterwegs.

Von neuen Schüben der Krankheit bleibt sie jedoch seit 2011 verschont, dank des Wirkstoffs Natalizumab: Der Antikörper blockiert Zellen des Immunsystems, die sonst schwere Entzündungen hervorrufen würden. Seitdem geht es ihr besser. „Nur, wenn ich zu Hause viel getan habe, bekomme ich zittrige Hände und taube Fingerspitzen“, sagt die 29-jährige Bürokauffrau, die wegen ihrer Krankheit in Frührente gehen musste. Eine höhere Lebensqualität, die teuer erkauft ist: Denn Claudia Lehmann trägt einen Virus in sich, das in Verbindung mit dem Medikament zu einer schweren Gehirnentzündung führen könnte. Und von dem nicht bekannt ist, wie lange es überhaupt verabreicht werden darf. Ein Risiko, das außer ihr auch andere Frauen bewusst eingehen, sagt Sabine Kalwa: „Es gibt Medikamente mit weniger gefährlichen Nebenwirkungen, die aber eine Schwangerschaft ausschließen.“

So lange es ihr „gut geht“ möchte Claudia Lehmann darum bei dem Präparat bleiben. Mit Krankengymnastik stärkt sie ihren Körper, bekommt seelische Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe – und hofft auf die Entwicklung neuer, weniger schädlicher Medikamente. Eine Hoffnung, die berechtigt sei, wie Johann Hagenah betont. Erfolgversprechende Präparate, „die die Krankheit nicht nur bremsen, sondern stoppen, sind in der Pipeline“, und sollten bald auf den Markt kommen. „Nirgendwo in der Neurologie gibt es zurzeit so viel Entwicklung wie in der MS-Behandlung.“

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