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Kontaktlinsen lindern Kurzsichtigkeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Spezielle Haftschalen können Fehlsichtigkeit korrigieren, indem sie die Hornhautform verändern

Mit Verlaub: Das idyllische Heikendorf gilt nicht unbedingt als Zentrum medizinischer Forschung. Doch der am Ostufer der Kieler Förde ansässige Augenoptiker Dr. Andreas Hartwig gilt als Pionier – und zwar bei der Erforschung alternativer Wege zur Bekämpfung der Kurzsichtigkeit. Er verficht eine Ansicht, die mit der bisherigen Praxis bricht und im günstigsten Fall sogar eine Linderung verspricht. Nicht unbedingt eine Heilung – das kann mit den klassischen optischen Möglichkeiten niemand. Aber immerhin die Aussicht, dass sich die Kurzsichtigkeit mit zunehmendem Alter nicht weiter verschlechtert.

Andreas Hartwig (33, Foto) war lange Zeit in einem Forschungslabor im australischen Sydney beschäftigt und hat später im englischen Manchester seine Promotion erworben. Als „Optometrist“ arbeitet und forscht er an der Schnittstelle zwischen Optiker und Augenarzt. Dieser Beruf ist hierzulande nicht weit verbreitet, in angelsächsischen Ländern und auch in Asien dafür umso mehr.

Das hat seine Gründe. 80 Prozent der Bevölkerung in Asien gelten als kurzsichtig, in Deutschland sind es „nur“ 30 bis 40 Prozent. Als Gründe für die sogenannte Myopie gelten genetische Veranlagung, aber auch der Lebenswandel. Laut Hartwig wird in der Fachwelt etwa diskutiert, ob die zunehmende Verstädterung die Erkrankung fördert. Weil, vereinfacht gesprochen, den Menschen heute meist der Horizont fehlt, an dem sie ihre Augen ausrichten können. Immer steht irgendetwas dem freien Blick im Wege.

Hartwig pendelt regelmäßig zwischen dem elterlichen Optiker-Geschäft in Heikendorf und dem Forschungslabor in Manchester. Kern seines Konzeptes ist die Ansicht, dass der Mensch nicht alleine mit dem Augenzentrum – dem Fokus-Bereich – schaut, sondern auch mit der Peripherie. Bei der Berechnung optischer Hilfsmittel wie Brillen oder Kontaktlinsen reicht es für Hartwig und seine Forscher-Kollegen eben nicht aus, allein den Fehlwert im Zentrum zu berechnen. Dann sei nämlich das Abbild auf der hinteren Netzhaut nur im Mittelpunkt scharf. In der Umgebung aber verschiebe sich der Punkt, an dem sich die Lichtbündel treffen, weiter nach hinten. Und weil sich der menschliche Körper mit dem Augapfel bemühe, diese Fehlstellung auszugleichen, verstärke sich auf Dauer nur die Kurzsichtigkeit.

Einen Ausweg bieten nach den Worten von Hartwig sogenannte „ortho-keratologische“ Kontaktlinsen: Der Name Ortho-Keratologie kommt vom griechischen „ortho“ und bedeutet „richtig“, Keratologie ist die Lehre von der Hornhaut. Die „O-K-Linsen“ sorgen dafür, dass das Auge als ganze Einheit bedacht wird, sagt Hartwig. Im Schlaf getragen, sorgen sie mit einer gezielten Abflachung der Hornhaut dafür, dass die Fehlsichtigkeit behoben wird – sie modellieren die Hornhaut in eine für das scharfe Sehen optimierte Form. Im Idealfall so weit, dass der Träger tagsüber ohne weitere Sehhilfe auskommt.

„Das funktioniert bei ausreichender Helligkeit. Gegen Abend, wenn die Pupille sich weitet, wird es leichte Unschärfen geben“, weiß Ingo Rütten, Pressesprecher im Zentralverband der Augenoptiker (ZVA). Ob die ortho-keratologischen Linsen wirklich eine qualitative Verbesserung bringen, ist für ihn noch nicht belegt. „Aber es gibt Indizien, die dafür sprechen“, räumt Rütten ein. Allerdings sei auch nicht jedes Auge dafür geeignet. „Es funktioniert nur bis zu einer Kurzsichtigkeit von etwa fünf Dioptrien, auch die Hornhautverkrümmung darf keinen Wert über 1,5 annehmen.“

Für den ZVA-Sprecher ist die neue Linse ein „zusätzliches Produkt“, das mehr koste und aufwändiger anzupassen sei als die klassische Augenlinse. Gegenwärtig sei der neue Linsentyp hierzulande nicht sehr weit verbreitet. Rütten hält es aber für gut möglich, dass der Marktanteil wächst. In den Niederlanden habe er sich bereits durchgesetzt. Dort ist mittlerweile jede zweite verkaufte Linse eine ortho-keratologische Linse.

Träger sollten nach Informationen des Kuratoriums Gutes Sehen e.V. jedoch einiges beachten: „O-K-Linsen können nur für kurze Zeit wirken. Sobald sie nachts nicht mehr zum Einsatz kommen, bildet sich die Hornhautkorrektur allmählich zurück, der alte Sehfehler kommt wieder“, sagt Sprecherin Kerstin Kruschinski. Die Wirkung lasse dabei langsam und unmerklich nach – was gerade an längeren Tagen dazu führen könne, dass die Sehkraft nicht mehr optimal sei. „Daher sollten stets Tageslinsen mit passender Sehkorrektur oder eine Brille griffbereit liegen.“ Und: Nur erfahrene Kontaktlinsenspezialisten, die geschult und zertifiziert sind, dürfen und können O-K-Linsen anpassen.  

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erstellt am 11.Feb.2015 | 11:55 Uhr

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