zur Navigation springen

Aufwachsen ohne Halt : Kinder psychisch kranker Eltern

vom

Die Kinder depressiver oder psychisch kranker Eltern haben einen harten Alltag zu bewältigen. Es ist nach wie vor schwer, professionelle Hilfe zu bekommen.

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2013 | 09:14 Uhr

Flensburg | Wenn Mutter oder Vater morgens noch ein wenig im Bett liegen bleiben, ist das kein Problem. Doch wenn einer von ihnen es den ganzen Tag nicht schafft aufzustehen, kann das für Kinder schwierig sein. Dann müssen sie Verantwortung übernehmen - Verantwortung, die sie in vielen Fällen noch nicht tragen können. Immer mehr Menschen leiden unter Erschöpfungszuständen, Depressionen und Burn-Out, unter Angststörungen oder Traumatisierungen. Die seelische Belastung ist groß - auch und besonders für die Kinder der Betroffenen.
"Ich sage meinem Sohn Bescheid, wenn ich mal zwei Stunden meine Ruhe brauche. Anschließend kommt er wieder und erzählt mir, wie die Schule war", erzählt Rita Altmeier* (54) aus Flensburg. Sie hat Depressionen. Ihr Sohn Michael* ist 13 Jahre alt - und damit alt genug, um mit ihm über ihre Erkrankung sprechen zu können. Bei kleineren Kindern geht das nicht. Sie bekommen zwar viel mit, verstehen aber die Hintergründe nicht. Oft denken sie, sie seien schuld, dass es Mama oder Papa schlecht geht - oder dass sie plötzlich so anders sind.

Strukturen entwickeln


Rita Altmeier hat noch einen zweiten Sohn. Er ist Ende zwanzig, hat oft bei seinem Vater gelebt. "Aber er hat viel von meiner Krankheit mitbekommen", erzählt sie. "Wenn ich handlungsunfähig im Bett lag, war das sehr schwierig. Das sollte bei meinem zweiten Kind anders sein." Darum hat die Flensburgerin sich unter anderem Hilfe in einer Beratungsgruppe gesucht. "Dort konnte ich meine Sorgen und Nöte anbringen, habe aber auch viele Sachinformationen bekommen", berichtet sie. "Seitdem merke ich schneller, wann mein Belastungspensum erreicht ist."
Kursus- oder Beratungsangebote für psychisch kranke Eltern gibt es noch nicht viele. In Städten ist es möglich, sich an die ansässigen Kinderzentren zu wenden oder soziale Einrichtungen vor Ort um Hilfe zu bitten. In Flensburg bietet die Villa Paletti - die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Flensburger Diako - Kurse an, die psychisch kranken Eltern und ihren Kindern helfen sollen.
Dabei gehe es vor allem um Hilfe zur Selbsthilfe, erklärt Hans-Jürgen Strufe, erster Vorstandsvorsitzender der Villa Paletti. Weil die Mitarbeiter bei ihrem Angebot die ganze Familie im Blick haben möchten, gibt es gemeinsame Kurse für Eltern und Kinder. In diesen sollen die Kinder lernen, ihre individuellen Ängste zu bewältigen. Eltern bekommen Unterstützung dabei, Strukturen für den Alltag zu entwickeln.

Hilfestellungen erleichtern die Alltag


"Mein Sohn war erst dagegen, dass ich in so einen Kurs gehe, wegen des Stempels psychisch krank", sagt Rita Altmeier. "Ich habe versucht ihm klarzumachen, dass es ihm auch zu gute kommt." Früher sei sie "schnell ausgelaugt" gewesen, und habe gemerkt, dass sie für die Erziehung ihres Sohnes "keinen Mittelweg" fand. "Ich hatte Angst, dass es wieder schlimmer wird und ich handlungsunfähig werde", sagt sie. "Der Kurs hat mir viel gebracht. Wir kommunizieren nun sehr konstruktiv miteinander - und die Dinge kommen zeitnah auf den Tisch."
Eltern, die den Kurs belegt haben, werden in einer Nachsorgegruppe weiter betreut. Zweimal im Monat finden die Treffen statt, die für Rita Altmeier besonders wichtig sind. "Wenn man länger dabeibleibt, gibt einem das durch die Kontinuität noch ganz andere Hilfestellungen. Wir machen uns gegenseitig Mut und zeigen uns unsere Fortschritte auf." Parallel böten die betreuenden Experten jederzeit Einzelgespräche an, betont Strufe. * Name von der Redaktion geändert
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen