"Kinder nicht in Watte packen"

Begleiterscheinung Ohrenschmerzen: Kinderarzt Dethleff Banthien stellt bei  Sina   die unangenehmen Nebenerscheinungen fest. Foto:   Ruff
Begleiterscheinung Ohrenschmerzen: Kinderarzt Dethleff Banthien stellt bei Sina die unangenehmen Nebenerscheinungen fest. Foto: Ruff

Mediziner rät bei Infekten zu viel frischer Luft und Flüssigkeit / Lungenentzündung muss nicht immer mit Antibiotikum behandelt werden

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11. Februar 2013, 12:23 Uhr

Bad Oldesloe | Sina bekommt den Mund nicht wieder zu. Es ist weniger vor Staunen, sondern mehr der Tatsache geschuldet, dass die Vierjährige aus Borstel (Kreis Segeberg) keine Luft durch die Nase bekommt. Das Mädchen hustet stark, die Nase läuft, die Augen sind gerötet. Ein klassischer Infekt. Ebenso wie Sina geht es derzeit zig anderen Kindern in Schleswig-Holstein. Winterzeit ist Virenzeit. In Schulen und Kindergärten bleiben im Moment viele Plätze frei, die Wartezimmer in den Arztpraxen hingegen sind gut gefüllt. Das gilt auch für die Gemeinschaftpraxis der Kinder- und Jugendärzte Dehtleff Banthien und Dr. Jens Uwe Meyer in Bad Oldesloe.

Auch Carmen von Zastrow ist mit ihrer Tochter Sina zu Dehtleff Banthien gekommen. In den vergangenen Tagen hat sie ihrem Kind Nasentropfen und Hustensaft gegeben, Hühnersuppe, viel Fencheltee und einen Zwiebelsaft gekocht. Zwiebeln haben antibakterielle Eigenschaften und gelten als entzündungshemmend. "Ein langbewährtes Hausmittel", erklärt Banthien. Carmen von Zastrow hat viel richtig gemacht, lobt der Mediziner. "Das wichtigste bei Infektionen ist, die Kinder nicht in Watte zu packen", sagt Banthien, der auch Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Schleswig-Holstein ist. Er rät zu ausreichend Flüssigkeit, gerne leicht gesüßten Kamillentee, angemessene Ernährung und abhängig vom Zustand der Kinder ruhig Bewegung und frische Luft. Fieber muss nicht immer gleich mit Medikamenten gesenkt werden, auch da genügen oftmals Hausmittel wie Wadenwickel. Nur wenn die Kinder wirklich beeinträchtigt durch das Fieber sind, dann sollte es gesenkt werden. Die Heizung solle nachts besser ausgestellt werden. Selbst bei Fieber oder einer Lungenentzündung täte frische Luft gut, weil sie die Schleimhäute beruhigt.

Der Grad zwischen einem Infekt der oberen Luftwege und einer Lungenentzündung kann manchmal schmal sein. Oftmals sind Eltern verunsichert, wann es sich um eine Lungenentzündung handelt. "Man erkennt sie an einer beschleunigten und erschwerten Atmung und einem typischen, sehr häufigen, kurzen Husten", sagt Banthien. Eine Lungenentzündung müsse immer ärztlich behandelt werden. Nicht immer allerdings mit Antibiotika, da eine Lungenentzündung im Kindesalter oftmals auch durch Viren verursacht ist. Vor einer schweren Form der Lungenentzündung durch Bakterien, den Pneumokokken, sind die Kinder heute durch eine Schutzimpfung gut geschützt.

Auf naturheilkundliche Produkte für die Kinder verzichtet Banthien. Oft enthielten diese Produkte, wenn in flüssiger Form dargeboten, nicht unerhebliche Mengen Alkohol. Zudem gebe es "praktisch für kein naturheilkundliches Produkt auf dem deutschen Arzneimittelmarkt einen den wissenschaftlichen Kriterien genügenden Wirksamkeitsnachweis", so der Mediziner.

Sina nimmt die Untersuchung gelassen hin. Nur manchmal schaut sie fragend. Hinterm Trommelfell hat sich Flüssigkeit angesammelt, sie hört daher im Moment schlecht. Es ist eine Begleiterscheinung des Infekts. Nicht selten haben kleine Kinder bei Infekten auch mit Ohrenschmerzen zu kämpfen. "Virusinfekte rufen eine Entzündungsreaktion an mehr oder weniger allen Schleimhäuten der Atemwege hervor", erklärt Banthien. Diese werden vermehrt durchblutet und schwellen an, es wird mehr Schleim produziert. Dies allein führe oft zu Schmerzen. "Das ist die so genannte seröse Mittelohrentzündung", erläutert der Kinderarzt. Bakterien seien hier noch nicht im Spiel. Es sei lediglich eine schmerzstillende und den Schleimabfluss fördernde Behandlung mit abschwellenden Nasentropfen von Nöten.

Zur Mittelohrentzündung ist es bei Sina nicht gekommen. Trotzdem musste sie eine Woche zu Hause bleiben. Nun aber ist die Vierjährige auf dem guten Weg der Besserung.
Die Serie: Kinderkrankheiten
An jedem ersten Donnerstag im Monat dreht sich auf der Nordisch-gesund-Seite alles um die Gesundheit der Kinder. In Zusammenarbeit mit verschiedenen niedergelassenen Kinderarztpraxen und -kliniken stellen wir unter anderem klassische Symptome im Kindesalter, spezielle Krankheitsbilder, Therapiemöglichkeiten und ganz besondere persönliche Geschichten vor.
Die Serie wird fachlich beraten durch Prof. Dr. Frank-Michael Müller.

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