Streitthema Ärztedichte : Kein Ärztemangel in Nordfriesland

Dr. Thomas Maurer von der kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein.
Dr. Thomas Maurer von der kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein.

Fast alle ländlichen Kommunen klagen über Ärztemangel, doch Nordfriesland ist mit Hausärzten besser versorgt als alle anderen Kreise.

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06. April 2013, 09:52 Uhr

Niebüll | In Südtondern gibt es eine Überversorgung mit Hausärzten - alles rein rechnerisch, versteht sich. Dr. Thomas Maurer, Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein, erläuterte die Zahlen vor den Niebüller Stadtvertretern.

Laut neuer Bedarfsplanung für den Planungsbezirk Nord (Nordfriesland, Schleswig, Schleswig-Flensburg) ist der Kreis NF, was die hausärztliche Versorgung betrifft, mit den festgelegten und erreichten 110 Prozent gut versorgt. Für nahezu alle Facharztgruppen werden die 110 Prozent sogar überschritten. Nach neuer Aufteilung in fünf statt der früheren vier Versorgungsgebiete (Mittelbereiche) betragen die Ist-Quoten bei der Versorgung mit Hausärzten für den Raum Tönning (Eiderstedt) 190 Prozent, für Husum (südliches Nordfriesland, nur Festland) 85 Prozent, für Niebüll (Südtondern, nur Festland) 110 Prozent sowie alle Nordfriesischen Inseln 190 Prozent. Auf einen Hausarzt kommen demnach im Schnitt 1500 bis 1600 Patienten.

"Absolut alles im Lot"

In der Stadt Niebüll stehen den 9400 Einwohnern sogar elf Hausärzte zur Verfügung. Maurer: "Viel besser geht es nicht." Nordfriesland ist mit Hausärzten besser versorgt als alle anderen Kreise. In der Gemeinde Leck kommen auf 7500 Einwohner immerhin sieben Hausärzte. Die Zahl der Fachärzte beträgt in Südtondern 25. Bemerkenswert: Alle Facharzt-Sitze befinden sich in Niebüll. "Hier ist absolut alles im Lot", erklärt Thomas Maurer.

Dennoch, so der Eindruck vieler Patienten, reicht das hinten und vorne nicht. Eine Ursache seien Entscheidungen der großen Politik, erklärt Maurer. "Die 1993 beschlossene Budgetierung kann man beklagen und bedauern, aber sie ist nicht zu ändern. Wir müssen mit dem leben, was Fakt ist."

Problem ist die Altersstruktur der Ärzte

Inwiefern der demografische Wandel seinerzeit eine Rolle spielte, was mit der Zahl der Ärzte ist, die nur Privatpatienten behandeln - all diese Fragen raunten sich die Zuhörer zu, aber sie bleiben unbeantwortet. Thomas Maurer machte lediglich deutlich, dass die Chancen, dass sich an der Zahl der Mediziner, insbesondere für vielen Dörfer, etwas positiv verändert, schlecht stehen. "Ein neuer Hausarzt kommt erst dann nach Südtondern, wenn ein anderer geht." Und: Die Entscheidung darüber, in welchem Ort er oder sie sich niederlässt, bleibt jedem selbst überlassen. "Der Zulassungsausschuss muss dem Antrag entsprechen." Entscheiden darf das Gremium erst, wenn es zwei Bewerber gibt. Ein weiteres Problem: die Altersstruktur der Ärzte. In Niebüll ist der Älteste 66 Jahre, in Leck 70 Jahre.

Thomas Maurer beklagte insbesondere das Fehlen des klassischen Internisten, zuständig für alles. Viele seien heute spezialisiert, als Urologen oder Kardiologen beispielsweise. "Es werden keine neuen Internisten kommen. Von dieser Vorstellung können wir uns definitiv verabschieden." Und auch ansonsten sieht es nicht gut aus. Im Jahre 2012 haben 55 Hausärzte ihre Prüfungen abgeschlossen, 2013 werden es nach derzeitigem Stand 30 sein. "Ein Drittel von ihnen geht in Bereiche, die nichts mit der Praxis zu tun haben." Dazu gehören die Geriatrie, die Bundeswehr und die Pharma-Industrie.

"Viele ältere Ärzte haben daher keine Chance, einen Nachfolger zu finden." Viele jüngere Fachärzte seien weder willens noch in der Lage, eine eigene Praxis aufzunehmen. "Wir haben andererseits aber auch nicht die Bevölkerungsdichte, die 2-er oder 3-er Praxen erlauben." Da könne man froh sein, dass es in Niebüll beispielsweise das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am Bahnhof gebe. Vorbildlich und zukunftsweisend sei auch das Ärztehaus in der Marktstraße mit zwei Fachärzten, drei Hausärzten, einem Pflegedienst, einem Physiotherapeuten und einem Apotheker. Maurer: "So soll es sein."

Um zum Anfang zurück zu kommen: Stadtvertreter Karl-Heinz Schmidt (SPD) widersprach dem Bild der Überversorgung. "Aus Sicht der Patienten ist das anders zu sehen. Da muss man schon einmal drei Monate auf eine Darmspiegelung warten. Inzwischen kann eine Menge passieren." Thomas Maurer hielt dagegen: "Es gibt kein anderes Land auf der Welt, wo Sie innerhalb von drei Monaten einen Termin für eine Darmspiegelung bekommen. Ich sehe da keine Möglichkeiten."

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