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Jeder dritte Arbeitnehmer ist psychisch krank

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ängste und Depressionen: Flensburg liegt bei Fehltagen bundesweit vorn / Nur jeder fünfte Betroffene lässt sich krankschreiben

shz.de von
erstellt am 26.Nov.2014 | 10:03 Uhr

Liegt es am Ostsee-Wetter? An der Nähe zur dänischen Grenze? Die Daten der Barmer Ersatzkasse zum psychischen Zustand der Nordlichter werfen viele Fragen auf. „Bei 30 Prozent der Schleswig-Holsteiner wird innerhalb eines Jahres mindestens einmal eine psychische Erkrankung diagnostiziert“, berichtete Barmer GEK-Nord-Chef Thomas Wortmann gestern bei der Vorstellung des aktuellen Gesundheitsreports in Kiel. Das Göttinger Aqua-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen hat die Daten von 3,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten ausgewertet, darunter 151 000 aus Schleswig-Holstein.

Ausgerechnet Flensburg nimmt demnach mit 472 Arbeitsunfähigkeitstagen je 100 Versicherten eine traurige Spitzenposition im bundesweiten Ranking ein. Schlimmer noch: Unter den 30 Städten und Kreisen mit auffällig vielen Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen taucht Schleswig-Holstein gleich sechs mal auf. Neben Flensburg auch noch Neumünster ( 425 Tage), Kiel (398), Lübeck ( 396) sowie die Kreise Schleswig-Flensburg (393) und Segeberg ( 392).

Psychisch am stabilsten scheinen demnach die Menschen an der Westküste zu sein. Die Nordfriesen melden nur gut 250 Fehltage und landen damit sogar knapp unter dem Bundesschnitt. In Dithmarschen liegt der Anteil der Personen, die Psychotherapie verordnet bekommen, bei nur 1,6 Prozent. Zum Vergleich: Lübeck meldet vier Prozent.

Obwohl Schleswig-Holstein bei allen Umfragen zum Glücksatlas immer an der Spitze liegt, weil sich die Menschen zwischen Nord- und Ostsee zufrieden, heimisch und beruflich gut aufgehoben fühlen, leidet ihre Psyche offenbar enorm. Bei jedem zehnten Betroffenen wird die Diagnose Depression gestellt – bei Frauen etwa doppelt so häufig wie bei Männern. „Frauen suchen früher Hilfe. Bei Männern werden die Probleme oft verkannt, sie gehen erst zum Arzt, wenn es brennt“, so Wortmann.

Psychische Erkrankungen haben sich in ihrer Art und Häufigkeit im Laufe der Zeit verändert, berichtete Diplom-Psychologe Heiko Borchers von der Deutschen Psychotherapeutenkammer. „Wir haben es heute mit Depressionen, Ängsten, Zwängen und Problemen bei der Bewältigung schwieriger Lebenssituationen zu tun.“ Er bedauert, dass in Schleswig-Holstein zu häufig Psychopharmaka verordnet werden (bei 8,5 Prozent der Erwerbspersonen), aber zu selten Psychotherapie (2,5 Prozent). Das sei ein Missverhältnis, weil die Pillen nur die Symptome, nicht aber die Ursachen der Erkrankung abmildern. Auch ökonomisch rechnet sich die Therapie (Kosten etwa 80 Euro pro Sitzung) laut Borchers, weil dadurch die Krankheitsdauer reduziert werden kann. Die Diagnose psychische Erkrankung führe nur bei weniger als einem Fünftel der Erkrankten zur Arbeitsunfähigkeit. Dafür dauere sie aber mit durchschnittlich 48,7 Tagen so lange wie bei keiner anderen Erkrankung.

Dabei ist die Betroffenheit je nach Berufszweig recht unterschiedlich. Bei Metall- und Holzberufen leidet die Psyche seltener, bei Erziehern und Sicherheitsberufen häufiger. Spitzenreiter sind aber die Arbeitslosen. Das erstaunt, weil Wortmann als einen der Gründe für die Zunahme dieses Krankheitsbildes den starken Termin- und Leistungsdruck in der Arbeitswelt und die ständige Erreichbarkeit per Smartphone anführt.

Auch Therapeutendichte und Häufigkeit von Psychotherapien weisen einen engen statistischen Zusammenhang auf. Beispiel: „Mit 49 Psychotherapeuten je 100 000 Einwohner ist Lübeck am besten bestückt und hat gleichzeitig die höchste Behandlungsrate. Demgegenüber ist Dithmarschen mit 11,9 Therapeuten pro 10 000 Einwohner eher unterversorgt und hat auch die geringste Therapiequote. “ Wie sich der genehmigte Zuwachs der Kassensitze für Psychotherapeuten in Zukunft auswirkt, steht noch in den Sternen. Im Schnitt dauert es laut Borchers in den großen Städten eine Woche bis zur ersten Kennenlernsitzung, dann vergehen noch einmal ein bis sechs Wochen im Genehmigungsverfahren für die Fortsetzung der Therapie. Diese Angaben widersprechen allerdings den Erfahrungen vieler Betroffener, die von einer Odyssee bei der Suche nach einem Therapieplatz berichten: Sie finden keinen Ansprechpartner, stattdessen laufen in den Praxen Anrufbeantworter, die auf wöchentliche 15-minütige Sprechzeiten verweisen.

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