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Ernährung & Gesundheit

23. Oktober 2017 | 03:08 Uhr

Schlaganfall : Jede Minute zählt

vom

Schwindel, Sehstörungen oder Taubheitsgefühl? Beim Verdacht auf einen Schlaganfall kommt es auf schnelle Hilfe an.

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2012 | 02:25 Uhr

Andrea Jürgensen (Name geändert) ist besorgt. Ihr Mann Bernd fühlt sich plötzlich unwohl, einen Arzt will er wie üblich nicht aufsuchen, aber die Symptome kommen ihr auffällig vor: Über Schwindel und Sehstörungen klagt er sonst nicht, und sein rechter Arm fühle sich taub an. Bernd Jürgensen hat Glück, seine Frau ist Altenpflegerin und wählt sofort den Notruf 112: "Verdacht auf Schlaganfall". Sie weiß, was zu tun ist – und dass jetzt jede einzelne Minute zählt.
"Wird der Notruf gewählt, so erfolgt die Erstversorgung des Schlaganfalls bereits vom Notarzt vor Ort", erklärt Prof. Dr. Ulf Linstedt, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie des Flensburger Diakonissenkrankenhauses. Auf keinen Fall solle der Betroffene "erst mal abwarten" oder zunächst den Hausarzt rufen. "Time is brain" – "Zeit(verlust) bedeutet Gehirn(verlust)", unterstreicht Linstedt die Bedeutung des Faktors Zeit bei der Behandlung eines Schlaganfalls.
Verschluss im Blutgefäß lösen
Nach dem Absetzen eines Notrufs sollte der Patient beobachtet und mit erhöhtem Oberkörper gelagert werden. Keine körperliche Belastung, nichts trinken, nichts essen, da eine Schluckstörung bestehen kann. Der Notarzt kann feststellen, ob ein Schlaganfall vorliegt und wie schwer er ist. Schon vom Notarztwagen aus veranlasst er, dass in der Notaufnahme alles für den Betroffenen bereit steht.
Seit etwa 15 Jahren ist es möglich, Blutgerinnsel, die im Gehirn zum Verschluss eines Blutgefäßes führen, medikamentös oder mechanisch aufzulösen ("Lyse-Behandlung"). Durch diese Therapien besteht die Chance, die oft schwerwiegenden Folgen eines Schlaganfalls deutlich zu mildern. Der entscheidende Faktor ist und bleibt jedoch die rasche Aufnahme der Patienten in einer Spezialabteilung, da bereits viereinhalb Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome der Erfolg der Behandlung reduziert wird. Deshalb wird schon der Rettungsdienst genau erfragen, wann die ersten Symptome aufgetreten sind.
Die "Stroke Unit" leitet die Therapie ein
In der Zentralen Notaufnahme der Diako ist ein Neurologe vor Ort, der nach weiteren Tests, wie im Fall von Bernd Jürgensen, die Diagnose Schlaganfall stellt. Nun kommen die Radiologen ins Spiel: Magnetresonanz-, Computertomographie und Angiographie bieten gestochen scharfe Bilder des Gehirns: Was den Schlaganfall verursacht hat, kann erst mit dieser modernen Technik genau bestimmt und lokalisiert werden.
"Unsere Schlaganfall-Abteilung, die so genannte Stroke Unit, übernimmt den Schlaganfall-Patienten direkt aus der Notaufnahme und leitet die sofortige Basistherapie ein", erklärt Prof. Dr. Henning Stolze, Chefarzt der Diako-Klinik für Neurologie: "Lyse-Behandlung, wenn erfolgversprechend, kontinuierliche Überwachung, weiterführende Diagnostik und die eventuelle Vorbereitung chirurgischer Maßnahmen schließen sich an."
"Ist das Gerinsel entfernt, verbessert sich die Diagnose deutlich"
Etwa 800 Schlaganfall-Patienten werden in der Stroke Unit der Diako Flensburg jährlich behandelt. Auch durch weitere Spezialabteilungen des Krankenhauses, wie der Neuroradiologie, Neurochirurgie und Intensivmedizin, ist eine schnelle und fachübergeifende Diagnostik und Behandlung gewährleistet.
"Die minimalinvasiven endovaskulären Möglichkeiten bei einem Schlaganfall mit den modernen Methoden der Neuroradiologie sind relativ neu und umfassen beispielsweise die Wiedereröffnung von Gefäßen mit so genannten Stents, also Gefäßprothesen", sagt Prof. Dr. Stefan Müller-Hülsbeck, Chefarzt der Diako-Radiologie: "Eine Methode ermöglicht die Entfernung eines Blutgerinnsels aus den Gehirngefäßen mittels eines stentartigen Korbes. Ist das Gerinnsel entfernt, verbessert sich die Prognose deutlich."
Körper im künstlichen Winterschlaf
Für Notfalleingriffe steht zudem der Neurochirurg bereit, etwa um eine Blutung zu stoppen oder einen Bluterguss zu entfernen. Liegt eine derartige Blutung vor oder schwillt das Gehirn infolge des Schlaganfalls stark an, kann das zu einer lebensbedrohlichen Hirndruckkrise und zu Symptomen wie Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Lähmungen und sogar Koma führen. "In so einem Fall kann ein Knochendeckel entfernt werden, um eine Entlastung des Hirndrucks zu erreichen", erklärt Prof. Dr. Wolfgang Börm, Chefarzt der Diako-Klinik für Neurochirurgie.
Nach Abklingen der Schwellung kann der Knochendeckel wieder eingesetzt werden. Börm: "Mit dieser Methode rettet man Leben, oft auch mit hoher Qualität." Patienten mit einem schweren Schlaganfall können zusätzlich auf der Intensivstation in ein tiefes Koma und einen "künstlichen Winterschlaf" versetzt werden: Wird die Körpertemperatur auf 32 bis 34 Grad Celsius abgesenkt, werden weniger Gehirnzellen zerstört.
Sprachtherapie ab dem ersten Tag
Beim Schlaganfall handelt es sich um eine sehr häufige Erkrankung. Zurzeit erkranken etwa 200.000 bis 250.000 Menschen pro Jahr daran. Ursache sind neben Blutgerinnseln Einblutungen im Gehirn. Etwa eine Million Bundesbürger leben mit den Folgen dieser Erkrankung, die oft schwere Behinderungen nach sich zieht. Daher ist es wichtig, die Bevölkerung für die Symptome und Vorboten eines Schlaganfalls zu sensibilisieren und damit eine rasche Einweisung in die Klinik sicherzustellen - denn einmal verloren gegangene Funktionen des Gehirns bleiben für immer verloren.
Bernd Jürgensen hatte Glück: Er war so rechtzeitig in der Stroke Unit, dass die Lyse-Therapie optimal angewendet werden konnte und sich das Blutgerinnsel rasch wieder auflöste. Dieser glückliche Umstand und die frühe, gezielte Rehabilitation im Anschluss sorgten dafür, dass sich bereits zwei Wochen nach dem Schlaganfall die anfänglichen Beeinträchtigungen Jürgensens wie Sehstörungen und das Taubheitsgefühl im Arm deutlich gebessert hatten.
Im Zentrum der neurologischen Rehabilitation stehen vor allem Maßnahmen, die die Körperwahrnehmung des Betroffenen fördern und im besten Falle zur vollständigen Kompensation verlorener Fähigkeiten führen. Eine gezielte Krankengymnastik verbessert oftmals eine gestörte Gehfähigkeit. Ergotherapeuten arbeiten mit den Patienten an der (teilweisen) Wiederherstellung der sensomotorischen Fähigkeiten. Auch die Sprachtherapie (Logopädie) beginnt bereits ab dem ersten Tag auf der Schlaganfallstation.

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