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Kaiserschnitt : Jede dritte Geburt ein Schnitt

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Die Kaiserschnitt-Rate ist heute doppelt so hoch wie vor 20 Jahren. Doch woran liegt das?

shz.de von
erstellt am 22.Jun.2013 | 08:17 Uhr

Er ist normal geworden - jedes dritte Kind kommt heute per Kaiserschnitt zur Welt. Wurden 1991 in Schleswig-Holstein noch 14,6 Prozent (bundesweit 15,3 Prozent) der Kinder mit der Operation entbunden, waren es 2011 bereits 33,7 Prozent (32,1 Prozent) - mehr als das Doppelte.
"Erschreckend" findet Margret Salzmann, Vorsitzende des Landes-Hebammenverbandes, den Anstieg. "Hochkritisch" sieht ihn Doris Scharrel, Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte in Schleswig-Holstein. Denn auch wenn ein Kaiserschnitt Routine und häufig der einzige und lebensrettende Weg ist, bleibt die natürliche Geburt das Beste für Mutter und Kind.

Risiken für Mutter und Säugling

"Der Kaiserschnitt ist eine große Bauch-OP", betont Margret Salzmann - mit all ihren Risiken. Selbst nach Jahren können Verwachsungen am Narbengewebe noch zu Beschwerden führen. Außerdem fehle das Geburtserlebnis, gibt die Hebamme zu Bedenken. "Die Erfahrung, dass sie an ihre Grenzen gehen und es trotzdem schaffen, macht die Frauen stark für ein Leben mit dem Kind."
Doch auch für die Babys birgt ein Kaiserschnitt Risiken: Neugeborene, die mit der Sectio caesarea, so der lateinische Name, zur Welt kommen, sind anfälliger für Krankheiten. Nach einem Kaiserschnitt kommt es bei Babys etwa fünf Mal häufiger zu Komplikationen der Atmung, gaben unlängst Lungenärzte bekannt. Grund sei ein Stresshormon, das bei der vaginalen Geburt freigesetzt wird und förderlich für die Lungen ist. Aber warum wird trotz aller Nachteile immer öfter geschnitten?

Informationsmangel und strukturelle Veränderungen

Ein Grund hat laut Doris Scharrel mit grundsätzlichen Veränderungen zu tun: So werden Schwangere im Schnitt immer älter und schwerer, womit die Geburtsrisiken und die Wahrscheinlichkeit für einen Kaiserschnitt steigen. Mehr ins Gewicht aber falle etwas anderes, so die Frauenärztin: "Ärzte werden heute schneller und mit wesentlich höheren Summen verklagt. Ein Gynäkologe muss sich heute bis fünf Millionen Euro für einen Personenschaden versichern. Es ist noch keiner verurteilt worden, weil er einen Kaiserschnitt gemacht hat. Aber es sind Ärzte verurteilt worden, weil sie keinen gemacht haben.
" Hinzu komme die Ausbildung, die aufgrund von Personalmangel "einfach nicht mehr so ist, wie sie sein sollte", bedauert Doris Scharrel. "Die Ärzte sind unerfahrener und kürzer auf den Abteilungen. Da fehlen die Erfahrung, die ihnen Sicherheit, und der Oberarzt, der ihnen die Ruhe gibt. Wenn sie dann allein sind und noch nie eine Beckenendlage gesehen haben, machen sie lieber einen Kaiserschnitt." Dabei sei es früher durchaus das normale Verfahren gewesen, Kinder mit dem Becken voran auf natürlichem Weg zu entbinden. "Aber man muss es mal gesehen haben." Dass die Kliniken für einen Kaiserschnitt mehr Geld bekommen, der Eingriff in der Regel planbar und der Kreißsaal schneller wieder frei ist, fällt laut Scharrel lediglich "marginal" ins Gewicht.
Auch mangelnde Information vermutet Margret Salzmann als Grund für den Anstieg. "Frauen werden über den Kaiserschnitt an sich aufgeklärt, aber kaum darüber, wie es ihnen hinterher damit geht und was es mit dem Kind macht. Deshalb lassen sie sich eher darauf ein", kritisiert sie. All dies führt dazu, dass die OP normal geworden ist - im Gegensatz zu einst. "In meiner Facharztausbildung in der Uni-Frauenklinik Kiel", erinnert sich Doris Scharrel, "wurden wir noch böse beäugt, wenn die Kaiserschnitt-Rate mal von acht auf zehn Prozent anstieg."

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