Immer mehr hungern sich krank

Krankenkasse Barmer GEK verzeichnet in Schleswig-Holstein 30 Prozent mehr Essstörungen gegenüber 2009

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08. Juli 2015, 16:47 Uhr

Es fing an mit gehässigen Bemerkungen der Mitschüler über ihren „fetten Hintern“. Und steigerte sich mit dem Lob des Vaters für ihre ersten Diät-Bemühungen: „Toll, dass Du endlich was für Deine Figur tust.“ Annika H. war 14, als sie magersüchtig wurde. Sie hungerte, mal mehr, mal weniger. Und wog irgendwann bei einer Größe von 1,70 Metern nur noch 42 Kilo.

Magersucht oder Ess-Brechsucht gehören mittlerweile zu den häufigsten chronischen Gesundheitsproblemen im Kindes- und Jugendalter. Auch in Schleswig-Holstein werden solche Essstörungen von Ärzten immer häufiger festgestellt: Nach Angaben der Krankenkasse Barmer GEK ist die Zahl der wegen Magersucht (Anorexie), Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und dem sogenannten Binge-Eating – dabei kommt es über längere Phasen zu Heißhungeranfällen – behandelten Versicherten innerhalb von fünf Jahren um nahezu 30 Prozent gestiegen. Wurde 2009 bei 1780 Versicherten eine Essstörung diagnostiziert, waren es 2014 bereits mehr als 2300. Bundesweit nahm die Zahl in diesem Zeitraum um 18 Prozent zu. Vor allem bei den Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren ist die Zahl der Essstörungen deutlich gestiegen, wie die Barmer mitteilt – und zwar um 75,9 Prozent seit 2009. Nach Schätzungen der Kieler Frauenberatungsstelle „Eß-o-Eß“ leiden hierzulande etwa 140  000 Menschen an Symptomen einer Essstörung.

Eine „bedenkliche“ Entwicklung – doch Magersucht lasse sich nicht per Gesetz verbieten, sondern sei eine ernste Erkrankung, sagt Schleswig-Holsteins Barmer Geschäftsführer Thomas Wortmann mit Blick nach Frankreich, wo das Parlament ein Gesetz gegen magersüchtige Models auf den Laufstegen verabschiedet hat. „Es kann zwar sein, dass die schlechte Vorbildwirkung von Magermodels bei Jugendlichen ein falsches Körpergefühl vermittelt, doch die Ursachen für Magersucht und andere Essstörungen liegen meist woanders.“ Oft würden eher unspektakuläre Bemerkungen von Bezugspersonen und abwertende Kommentare zur Figur das Gefühl der Unzulänglichkeit begünstigen.

Vor allem bei Mädchen mit einer „bestimmten Grundpersönlichkeit“ sei dann das Risiko, eine Magersucht zu entwickeln, hoch, sagt Dr. Christian Bethke-Jaenicke vom Zentrum für Integrative Psychatrie an der Kieler Uni-Klinik. „Die meisten Betroffenen sind sehr selbstkritisch, perfektionistisch. Sie haben einen hohen Anspruch zu gefallen und nehmen sich selbst dabei zurück.“ Bemerkungen über ihr „Dicksein“ löse eine „Kaskade“ aus, die irgendwann nicht mehr zu kontrollieren sei.

Essstörungen seien aber kein Problem nur junger Frauen, sondern in jedem Alter anzutreffen, teilt die Barmer mit. „Besonders häufig kommen Essstörungen zwar im Alter von 19 bis 30 Jahren vor, doch selbst bei den 51 bis 60-Jährigen im Norden wurden 2014 332 Versicherte deshalb ärztlich behandelt, 85 Prozent mehr als noch 2009.“ Bei den über 60-Jährigen betrug die Zunahme 37 Prozent.

Die Zahlen der stationären Behandlungen insgesamt bestätigen den Trend: So seien im Jahr 2013 in sämtlichen Altersgruppen wesentlich mehr Patienten aus Schleswig-Holstein mit Essstörungen in Kliniken in Behandlung gewesen als noch 2009, sagt Volker Clasen von der Techniker Krankenkasse. Einen besonders starken Anstieg gab es bei den 15- bis unter 25-jährigen Mädchen und Frauen: 284 kamen 2013 ins Krankenhaus; fünf Jahre zuvor waren es rund 200 gewesen.

Das ständige Hungern fügt der Gesundheit schweren Schaden zu: Magen- und Darmbeschwerden, Herz-Kreislauf-Störungen, Osteoporose oder Organschäden können die Folge sein. Auch die Seele leidet unter dem Schlankheitswahn: Es drohen Schlafstörungen, Panikattacken und Depressionen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts wurden 2012 in deutschen Krankenhäusern rund 11  500 Fälle behandelt. Bis zu 20 Prozent der Magersüchtigen sterben an den Folgen ihrer Erkrankung.

Ob eine ambulante oder stationäre Behandlung der Erkrankung notwendig ist, hänge vom Gewichtsverlust ab, sagt Psychiater Bethke-Jaenicke. Zuerst müssten die Patienten wieder ein gesundes Gewicht erlangen. Daneben kommen verhaltenstherapeutische und tiefenpsychologische Techniken zum Einsatz. Die Rückfallgefahr sei vor allem in Krisensituationen groß. Darum sei die ambulante Nachsorge – oft über Jahre hinweg – essenziell: „Dabei müssen Psychotherapie und Gewichtskontrolle Hand in Hand gehen.“ Ein Drittel der Patienten werde wieder gesund, bei einem Drittel chronifiziere sich das Krankheitsbild, das restliche Drittel sei „Grauzone“: Die Patienten seien zwar augenscheinlich gesund, leiden aber weiterhin unter psychischen Problemen und Essenskonflikten.

Annika H. muss mitunter heute noch gegen den Drang zu hungern ankämpfen – trotz einer langjährigen Therapie: „Wenn ich zwei Kilo zugenommen habe, klingeln bei mir die Alarmglocken“, sagt die heute 20-Jährige. „Ich muss mich ständig kontrollieren, normal zu essen.“

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