Suchtkranke : Immer mehr Alkoholiker im Norden

Erst Bier, dann Korn - ist das 'Herrengedeck' der Einstieg zur Alkoholsucht? Foto: dpa
Erst Bier, dann Korn - ist das "Herrengedeck" der Einstieg zur Alkoholsucht? Foto: dpa

Die Zahl der Alkoholiker wächst - besonders in Schleswig-Holstein gibt es im Vergleich mit den westdeutschen Bundesländern viele Todesfälle infolge der Sucht.

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17. Dezember 2012, 09:57 Uhr

Kiel | Die Bundesländer in Ostdeutschland führen - statistisch gesehen - die Rangliste der Todesopfer durch Alkoholkonsum an. Betrachtet man jedoch allein die alten Länder, belegen Bremen und Schleswig-Holstein die Spitzenplätze. Im nördlichsten Bundesland gibt es pro Jahr 23 Sterbefälle je 100.000 Einwohner, das sind 552 Tote pro Jahr. In Baden-Württemberg werden lediglich 13 Todesfälle gezählt.
Warum ist die Lage in Schleswig-Holstein so kritisch? "Im Norden wurde mehr Korn getrunken, als in den südlichen Bundesländern", sagt Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. Was provozierend klingt, wird greifbar beim Blick auf die Entwicklung der Abhängigkeit. "Es braucht oft 15 bis 20 Jahre, bis die Erkrankten die Schwere ihrer Sucht erkennen", sagt Merfert-Diete. Und vielfach vergingen weitere Jahre, bis die Folgen tödlich seien.

Mit Bier und Korn sozialisiert

Wer heute im Norden an alkoholbedingten Krankheiten stirbt (drei von vier Alkoholtoten sind Männer), ist mindestens 50 oder 60 Jahre alt und mit Bier und Korn sozialisiert worden. "In vielen Berufen war das Trinken allgemein üblich", erklärt Jörg Adler, stellvertretender Vorsitzender der Landesstelle für Suchtfragen. Das habe sich heute radikal geändert, doch leider sei die Zahl der Abhängigen trotzdem nur leicht zurückgegangen. Peter Petersen, Fachreferent für Suchthilfe bei der Diakonie, erklärt, warum: "Schleswig-Holstein ist ein Flächenland mit wirtschaftlichen Schwächen. Bestimmen Existenzängste das Leben, gibt es immer auch einen erhöhten Alkoholkonsum. Trinken ist immer auch der Versuch, mit dem Stress des Lebens klarzukommen." Ein weiteres Problem sei die angespannte Haushaltslage. Petersen: "Suchthilfe ist eine kommunale Angelegenheit. Und vielfach werden die Resourcen knapp gehalten."
Das verdeutlicht der Vergleich zu Berlin. Dort ist auch das Geld knapp, doch das Netz an ambulanten Behandlungsstellen ist dicht geknüpft - und kann selbst ohne Führerschein erreicht werden. Das ist bei den rund 80 Beratungsstellen im Norden nicht immer gegeben - im Kreis Steinburg ist das Netz am dünnsten. In Berlin gibt es, obwohl Großstadt, nur 16 Alkoholtote pro 100.000 Einwohner. "Das Problem des ländlichen Raumes ist zudem, dass man mit der Alkoholsucht weniger offen umgeht", glaubt Petersen. "Jeder kennt jeden, man wird stigmatisiert." Wie viele Fälle gibt es in Schleswig-Holstein? "Grundsätzlich geht man davon aus, dass fünf Prozent der Bevölkerung alkoholabhängig sind, das wären bei uns 140.000 Betroffene", so Christine Brandes von der Landesstelle für Suchtfragen. 10.000 Menschen seien 2011 neu in die Hilfesysteme gekommen, davon seien 51 Prozent Alkoholiker gewesen. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 44 Jahren.
Es gibt auch einen Lichtblick: Die Prävention zeige bei Jugendlichen Wirkung, abgesehen von einem harten Kern an Komasäufern, so Jörg Adler von der Landesstelle für Suchtfragen. Er sagt: "Ein guter Weg wäre es Alkohol zu verteuern." Funktioniert hat das in kleinem Rahmen schon einmal - bei der Sondersteuer für Alkopops.

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