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Ernährung & Gesundheit

22. Oktober 2017 | 09:01 Uhr

Im Wiegeschritt gegen Parkinson

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tanzen als unterstützende Therapieform: Durch die rhythmische Bewegung zur Musik können blockierte Muskeln aktiviert werden

shz.de von
erstellt am 22.Aug.2013 | 10:32 Uhr

Nach höchstens 20 Minuten ist für Ines Niehaus Schluss. Länger kann sie nicht am Stück auf den Beinen sein. Die 40-jährige Frau aus Rendsburg hat Parkinson. Sie schafft ihren Alltag alleine, braucht aber viele Ruhepausen. Normalerweise. Denn es gibt eine Ausnahme: Ines Niehaus tanzt gegen ihre Krankheit an. Alle zwei Wochen, 90 Minuten. Probleme hat sie dabei nicht. Ganz im Gegenteil. Sie ist glücklich – und auch beweglicher. Was auf den ersten Blick merkwürdig anmutet, hat einen seriösen medizinischen Hintergrund. Tanzen wird verstärkt in der Parkinson-Therapie eingesetzt.

„Grundlegend bei Parkinson ist die medikamentöse Therapie“, sagt Dr. Björn Hauptmann. Er ist leitender Oberarzt in der Neurologie der Segeberger Kliniken. Neben übenden Verfahren wie Ergo-, Physio- und Sprachtherapie sei Tanzen als sogenanntes künstlerisch aktivierendes Verfahren äußerst sinnvoll.

Parkinsonpatienten haben vor allem Schwierigkeiten mit dem prozeduralem Gedächnis, dem Bereich im Gehirn, der bewusste oder unbewusste Lernprozesse steuert. „Die Musik und der Rhythmus werden zu externen Triggern, die Reize an das Gehirn senden“, erklärt der Neurologe. Damit werde das prozeduale Gedächnis umgangen. Hauptmann: „Es geht darum, sich die Bewegungen bewusst zu machen.“

Walzer, Discofox oder Foxtrott verbessern die Balance, Gehgeschwindigkeit und Schrittlänge von Parkinsonpatienten. Das belegen Studien. Besonders der Tango verspricht positive Effekte. Patienten, die krankheitsbedingt mitten in ihrer Bewegung erstarren oder „einfrieren“ (das so genannte Freezing) können sich im Fluss der Musik bewegen. Die Rückwärtsschritte, die ansonsten eine fast unüberwindbare Hürde darstellen, gelingen auf dem Tanzparkett. Von den Krankenkassen werden die Kosten für die Tanzstunden allerdings nicht übernommen.

An diesem Tag trifft sich die Parkinson-Tanzgruppe aus Rendsburg zum ersten Mal nach der Sommerpause. Zwischen 30 und 35 Personen kommen regelmäßig in die Tanzschule Fenselau, einige haben ihre Lebenspartner mitgebracht. Zwar sind bei manch einem die Schritte etwas kleiner und hölzerner, anderseits ist oftmals nicht auf den ersten Blick auszumachen, wer Parkinson hat und wer nicht. Bei keinem der Tänzer lässt sich in Aktion das für Parkinson so typische Zittern beobachten. Beim Betreten der Tanzschule hat ein Mann einen Gehstock in der Hand, auf der Tanzfläche braucht er die Hilfe nicht.

Ines Niehaus ist voller Motivation dabei, macht sehr große Schritte. Sie ist mit 40 Jahren die jüngste Teilnehmerin, die älteste ist 90 Jahre alt. „Nach meiner Erfahrung unterstützt jede Form der Bewegung bei Parkinson die Medikamentenwirkung“, sagt sie. „Tanzen besonders.“ Es ist eine Liebeserklärung an das Leben. Ein Leben als chronisch Kranker.

Bis zu 280 000 Menschen haben bundesweit Parkinson, schätzt die Deutsche Parkinson Vereinigung. Etwa zehn Prozent der Betroffenen erkranken vor dem 40. Lebensjahr. Eine von ihnen ist Ines Niehaus. Sie ist gerade einmal 22 Jahre alt, als sich ihr Leben komplett verändert. In ihrer Ausbildung als Biologielaborantin gelangen über eine kleine Schnittwunde am linken Daumen Giftstoffe in die Blutbahn. Die Blut-Hirn-Schranke wird gestört, die den Botenstoff Dopamin erzeugende Nervenzellen im Gehirn zerstört. An eine regelmäßige Arbeit ist nicht mehr zu denken. Seit drei Jahren ist Ines Niehaus verrentet. Es geht ihr darum, möglichst beweglich zu bleiben. Das Tanzen hilft ihr neben der Physiotherapie dabei. Auch ihr Krankengymnast hat Fortschritte festgestellt. Seitwärtsschritte schafft sie nun viel besser. Dank der Schrittfolge im Cha-Cha-Cha. Ihrem Lieblingstanz.

„Wir werden zwar gegen diese Krankheit nicht gewinnen können, aber den Krankheitsverlauf verzögern. Jeder Tag, an dem es uns gut geht, ist ein gewonnener Tag.“ Der Satz stammt von Karlheinz Braun. Er ist ebenfalls Parkinson-Patient und Initiator der Tanzgruppe in Rendsburg, die sich die „Swinging Parkis“ nennen.

Aber es gibt noch einen weiteren positiven Aspekt der Tanztherapie, der nicht zu unterschätzen ist. Darin sind sich die Rendsburger Tänzer einig: „Grundsätzlich neigen Parkinsonkranke dazu, sich zu isolieren, dem soll das Tanzen entgegenwirken“, sagt Jürgen Kunze, Vorsitzender der Parkinson Vereinigung in Schleswig-Holstein. „Ganz nach dem Motto: Raus aus der Isolation, rein in die Gemeinschaft.“ Parkinson ist nicht nur eine Bewegungserkrankung. Oft sind Depressionen, Demenz oder Psychosen Begleiterscheinungen. Ziel sei es, die Lebensqualität zu stabilisieren, wenn möglich, sogar zu steigern. Kunze selbst ist nicht von der Krankheit betroffen, wohl aber seine Frau, die die Selbsthilfegruppe in Rendsburg leitet. Auch sie ist beim Tanzen dabei.

Dass der Gemeinschaftsgedanke im Duett mit einer Verbesserung der Motorik zu sehen ist, wird gleich beim ersten Tanz deutlich. Sirtaki ist angesagt. Die Selbsthilfegruppe gibt nicht nur jedem Einzelnen Halt, durch das Tanzen ist auch der Zusammenhalt in der Gruppe gestiegen. „Den Sirtaki mag ich, weil es ein Gruppentanz ist. Man merkt, wie im Kreis die Schwingungen durch die Gruppe gehen“, sagt Ines Niehaus. Sie hat sich gerade richtig warm getanzt. 90 Minuten hat sie noch vor sich. Ohne Probleme.

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