Gesundheitslotsen : Im Dienst des Patienten

Zwischen Nordfriesland, Schleswig und Flensburg gibt es jetzt Gesundheitslotsen. Sie sollen die Patienten-Versorgung langfristig sicherstellen - jeder vierte Hausarzt ist älter als 60.

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24. Mai 2012, 11:29 Uhr

Nordfriesland | Medizinischer Fortschritt sorgt für eine steigende Lebenserwartung, was bedeutet, dass es immer mehr Menschen mit chronischen Erkrankungen geben wird. Denn diese sind charakteristisch für Frauen und Männer im hohen Alter, die in der Regel bis an ihr Lebensende behandelt werden müssen. Aber fast jeder vierte Hausarzt ist älter als 60, deshalb scheiden in den kommenden Jahren mehr Ärzte aus dem Medizinbetrieb aus als nachkommen. Und da der Nachwuchs nicht überall arbeiten möchte, wird es in einigen Regionen eine Unter- und in anderen eine Überversorgung geben.
Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung zum Januar ein Versorgungsstrukturgesetz verabschiedet, um über die Kassenärztlichen Vereinigungen Anreize zu schaffen, Ärzte in schlecht versorgte Landstriche zu locken. Darauf allein wollen sich die Nordlichter aber nicht verlassen und haben für die Kreise Nordfriesland und Schleswig-Flensburg sowie die Stadt Flensburg neue medizinische Organisationsstrukturen skizziert. Die drei bilden zusammen mit der dänischen Nachbarregion Syddanmark die Gesundheitsregion Nord.
Im Mittelpunkt der innovativen Ansätze stehen Gesundheitslotsen, für Arztaufgaben qualifiziertes Personal und sogenannte Primärversorgungszentren. Nicht zu vergessen "EHealth"-Anwendungen, wie sie bundesweit realisiert werden: Dazu gehören die Telemedizin - per Sensoren am Körper können dem Arzt zum Beispiel Diabeteswerte übermittelt werden - und die elektronische Gesundheitskarte, die Patientenakten ersetzt.
Diabetes, Arthrose, Asthma - chronische Erkrankungen im Fokus
An dem Konzept wird im Rahmen des Projektes "Gesundheitswirtschaft Nord" gefeilt. Der Arbeitstitel weist bereits darauf hin, dass auch das hohe Gut Gesundheit nicht vom schnöden Thema Geld zu trennen ist. Deshalb handelt es sich um ein Vorhaben des schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministeriums: gefördert aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung sowie mit Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" - hier sitzt der Bund mit im Boot.
2011 hat alles angefangen - bis 2013 ist das Projekt angelegt. Gemeinsam mit Gesundheitslotsin Gabriele Wollesen stellte Walter Behrens vom Projekt-Lenkungsausschuss unserer Zeitung das Modell für eine "nachhaltige Gesundheitswirtschaft" vor. Besonderes Augenmerk wird dabei auf drei chronische Erkrankungen gerichtet: Diabetes, Kniegelenksarthrose und Asthma. Behrens: "Zum ersten Mal sitzen Ärzte, Heilpraktiker, Apotheker und Hersteller an einem Tisch." Die Partner hätten auch die Themen bestimmt, denen Koordinatoren zugeordnet sind - so zeichnet zum Beispiel für den Bereich Diabetes Oberärztin Brigitte Funda-Lalowski von der Husumer Klinik verantwortlich.
"Im Sommer beginnt die Pilotphase"
Ob ambulante oder stationäre Versorgung, Rehabilitation, Gesundheitsförderung, Pflege und Betreuung: Lotsen sollen in nicht allzu ferner Zukunft Patient und Arzt entlasten. Sie fungieren als Vermittler zwischen den einzelnen Leistungsträgern im Gesundheitswesen, indem sie beispielsweise Nachkontrollen, Präventionsmaßnahmen und anfallende Behandlungen organisieren. Die unabhängigen Berater sollen auf Basis der ärztlichen Diagnose einen Hilfeplan für den Kranken erstellen und diesen ein Leben lang begleiten.
"Voraussichtlich im Sommer beginnt eine Pilotphase", informierte Walter Behrens. Gesucht werden jetzt Kolleginnen und Kollegen für Gesundheitslotsin Gabriele Wollesen - die bisher einzige Fachfrau für diese Aufgabe. Sie hat eine Ausbildung im medizinischen Bereich und einen Master in "E-Health" (Telemedizinische Projekte).
Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen
Wollesen baut zurzeit Kontakte zu Hausärzten auf, denn von deren Bereitschaft zur Zusammenarbeit hängt alles Gelingen ab. Für den Einstieg geht es um die Betreuung von Patienten mit den drei ausgewählten Krankheitsbildern. Die Gesundheitslotsin operiert von der Fachhochschule Flensburg aus - noch. Denn beim Blick in die Zukunft stehen Primärversorgungszentren als "Brückenpraxen" - möglicherweise angedockt an Kliniken - mit im Maßnahmen-Katalog.
Pro Patient wäre eine Pauschale von 25 Euro zu entrichten. Noch müsste der Kranke selbst zahlen. "Wir wollen über eine unabhängige Patientenberatung zur Regelförderung kommen", erklärt Behrens. Er erinnert daran, dass seit 2006 jeder chronisch Kranke Anrecht auf ein "Persönliches Budget" hat, das mit den Kassen ausgehandelt werden kann - "eine weitere Aufgabe für den Lotsen", meint Behrens. Ihm ist wichtig, dass kranke Menschen verstärkt lernen, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen: "Der Lotse hilft und motiviert auch, sich selbst zu helfen."

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