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„Ich weiß nicht, was auf uns zukommt“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Brigitte Frank* (64) hat Alzheimer im Frühstadium / Mehr als 930 000 Menschen in Deutschland leiden an der Gehirnstörung

shz.de von
erstellt am 19.Sep.2013 | 08:00 Uhr

Sie hatten lange gerätselt, Michael Frank* und seine Schwester. Gerätselt, was der Grund dafür sein könnte, dass ihre Mutter neuerdings so anders war. Zerstreut wirkte sie, unkonzentriert. Als ob sie nicht richtig zuhörte. „Man hatte ihr gerade etwas erzählt, und kurz darauf fragte sie schon wieder nach“, erzählt der 37-jährige Flensburger.

Drei Jahre ist es her, dass die Geschwister begannen, sich Sorgen zu machen über die Vergesslichkeit ihrer Mutter. Über die
Ursache herrschte Ratlosigkeit. Brigitte Frank selbst dachte, sie sei schwerhörig; die Kinder drängten zu einem Arztbesuch. Um zu klären, „was da nicht stimmt“. Der Hausarzt überwies die damals 61-Jährige zum Neurologen, der die Gedächtnisschwäche als „normale Alterserscheinung“ interpretierte. Erst diverse Untersuchungen im Krankenhaus, darunter Magnetresonanztomographie und Gehirnwasseruntersuchung, lieferten die Diagnose, die die Familie in den Ausnahmezustand katapultierte: Brigitte Frank hat Alzheimer-Demenz im Frühstadium.

Mehr als 1,4 Millionen Menschen in Deutschland leiden nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft an Demenz, rund 930 000 von ihnen an Alzheimer. Ursache sind in den meisten Fällen Krankheiten des Gehirns, bei denen Nervenzellen und die Kontakte zwischen ihnen absterben – aus teilweise noch ungeklärten Gründen. Mediziner sprechen dabei von Neuro-Degenerationen: Eiweißstoffe werden fehlerhaft verarbeitet, sodass sie sich verformen, verkleben und sich inner- oder außerhalb von Nervenzellen ablagern. Die Alzheimer-Krankheit schreitet langsam fort, und betrifft vor allem die Gehirnabschnitte, die für Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und Orientierungsfähigkeit wichtig sind.

„Das kann nicht angehen – ich doch nicht“: Brigitte Frank konnte und wollte nicht glauben, was die Neurologen ihr eröffneten. Und auch für die Familie war die Diagnose ein „absoluter Schock“.

43 Jahre sind Brigitte und Ulrich Frank verheiratet. 30 Jahre hatten sie gemeinsam ihren Familienbetrieb geleitet, Tag für Tag Seite an Seite gearbeitet, bis sie sich vor zehn Jahren zur Ruhe setzten. Wobei Ruhe nicht der Zustand ist, in dem Ulrich Frank sich besonders wohl fühlt. Er ist gern „in Gange“, draußen, fährt viel Rad. Die ständigen Nachfragen seiner Frau, zu erleben, wie ihre geistige Belastbarkeit vor seinen Augen nachzulassen schien – „massive Spannungen“ belasteten ihre Ehe in dieser Zeit, sagt der 67-Jährige. „Es ist, als ob man gegen eine Wand redet. Man fühlt sich selbst nicht mehr wahrgenommen.“ Nach der Diagnose lösten sich die Spannungen nicht auf. Im Gegenteil. „Damals waren sie auf dem Zenit. Ich konnte die Diagnose nicht akzeptieren, das Leben schien mir nicht mehr viel Sinn zu haben.“ Über die Krankheit zu sprechen – für die Eheleute unmöglich in den ersten Wochen und Monaten. „Ich war so traurig“, sagt Brigitte Frank.

Eine Situation, die „ganz typisch“ sei, sagt Iris Jirka. Bevor die Krankheit festgestellt werde, bestimme Hilflosigkeit das Zusamenleben. „Der Betroffene weiß selbst nicht, was mit ihm los ist. Und die Angehörigen reagieren oft mit Unverständnis, sind genervt und fühlen sich gekränkt.“ Die Musiktherapeutin leitet in Flensburg „Frei-Raum“, eine unterstützte Selbsthilfegruppe der Alzheimer Gesellschaft für Menschen, die sich in der frühen Phase einer Demenz befinden. „Es ist wichtig, die Krankheit nicht zu verdrängen, sondern nach der Diagnose schnell nach außen zu gehen und sich – neben der ärztlichen Behandlung – Hilfe zu holen. “

Ulrich und Michael Frank taten es: Sie besuchten eine Schulung, die die Alzheimer Gesellschaft für pflegende Angehörige anbietet. Beiden half der Austausch mit anderen Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Und Michael Frank fällt es seitdem leichter, sich in seine Mutter hineinzuversetzen, die Krankheit zu verstehen. „Das Allerwichtigste ist, die Tatsache zu akzeptieren und sich damit auseinanderzusetzen. Und sich unterstützen zu lassen – denn das kann man nicht alleine wuppen.“

Seinen Alltag wuppt das Ehepaar Frank weiterhin zusammen – „wie vorher auch“, in der bewährten Arbeitsteilung: Er besorgt die Lebensmittel und kocht, sie macht den Haushalt, „darf aber auch mal einkaufen gehen“: „Ich habe ihm gesagt, er soll mir nicht so viel wegnehmen“. Listen helfen Brigitte Frank im Supermarkt; die Erzählung vom Urlaub – mit Freunden ging es im Wohnmobil durch Deutschland – wird gestützt durch ein Tagebuch. In der Gruppe „Frei-Raum“ spricht sie alle zwei Wochen mit anderen betroffenen Frauen, „über alles mögliche, nicht nur über die Krankheit“. Sie fährt Auto, treibt regelmäßig Sport. Ein Pflaster mit dem Wirkstoff Rivastigmin, das Brigitte Frank rund um die Uhr am Körper trägt, verlangsamt das Fortschreiten ihrer Krankheit. „Es ist besser geworden durch das Medikament“, stellt ihr Mann fest. Und gibt zu, dass ihm ab und an doch noch Sätze rausrutschen wie „Hör mir doch mal zu!“

Alle sechs Monate sind die beiden zum Gespräch beim Neurologen im Krankenhaus – und setzen Hoffnung in die Möglichkeit, dass Brigitte Frank an einer Versuchsstudie für ein neues Medikament teilnehmen kann. Hoffnung, aber auch Traurigkeit und Ängste sind Begleiter geworden im ansonsten „normalen“ Alltag: „Ich kann doch noch alles“, sagt Brigitte Frank. „Aber ich weiß ja nicht, was auf uns zukommt.“

* Namen der Familie geändert

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