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Gesundheit : Ich bin dann mal schlank - Gefährliche Jagd auf Bikini-Figur

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Pünktlich zum Sommer sollen die Pfunde purzeln, die sich infolge falscher Ernährung oder mangelnder Bewegung angesammelt haben. Gesellschaftlicher Druck und Trugbilder in den Medien führen zu einem Figurdiktat, das gefährlich werden kann.

shz.de von
erstellt am 11.Jul.2013 | 14:16 Uhr

Pinkfarbene Rüschen-Bikinis, gelbe Tank-Tops: Die Bademode des Sommers ist bunt und knapp. Und so bringt die Sonne an den Tag, was im Winter kaschiert werden kann. Spätestens zur Badesaison sagen viele den Pölsterchen an der Hüfte, dem Bauchansatz oder den schlaffen Oberschenkeln den Kampf an. Statt bewusster Ernährung setzen vor allem Jugendliche auf Crash-Diäten, die zu Essstörungen wie Magersucht (Anorexie) und Ess-Brech-Sucht (Bulimie) führen können. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts liegt bei etwa einem Fünftel der 11- bis 17-Jährigen in Deutschland ein Verdacht auf eine Essstörung vor.

«Wenn im Frühjahr die Fotos mit Bikinis in die Zeitschriften kommen, steigt bei vielen der Angstpegel, dass man sich so zeigen müsste», sagt Andreas Schnebel, Geschäftsführer des Bundesfachverbandes für Essstörungen in München. «Wir spüren das dann in unseren Beratungsstellen, mit denen wir in der vordersten Linie agieren.» Besonders alarmierend sei, dass die von Essstörungen Betroffenen immer jünger werden: «Das Einstiegs-Durchschnittsalter für Magersucht ist 16 bis 17, für Bulimie knapp 20 Jahre, doch wir sehen immer mehr auch 12-Jährige in den Beratungsstellen.» Auch die Männerwelt hat der Schlankheitswahn nach Angaben Schnebels erreicht: «Es kommen immer mehr Jungs mit Essstörungen, seit die Sixpack-Figur mit genau definierten Bauchmuskeln propagiert wird.»

Gründe für den gefährlichen Schlankheitswahn sieht Schnebel im gesellschaftlichen «Fixiertsein aufs Dünnsein»: «Heute sehen sich ja schon Sieben- bis Achtjährige Castingshows im Fernsehen an.» Hinzu komme, dass bei falscher Ernährung mit zu viel Zucker, Fett und Salz schon Kinder keine gesunde Figur mehr hätten. Trotzdem wolle jeder begehrenswert erscheinen und keine Angriffspunkte für Mobbing bieten: «Wenn ein Mädchen dann in der Schule zu hören bekommt, dass sie einen dicken Po hat, dann hört sie auf zu essen. Das kann sich so verselbstständigen, dass sie nicht mehr aufhören kann mit dem Abnehmen.»

Auch die Modeindustrie trage eine Mitschuld: «Meist sind die Sachen angesagt, die nur sehr Schlanke tragen können», sagt Schnebel. Untergewichtige Models und Fotobearbeitungsprogramme bauten zudem unrealistische Schönheitsideale auf: «Das sind ziemliche Kunstfiguren.»

Der Verband deutscher Mode- und Textildesigner in Düsseldorf weiß, wovon Schnebel spricht. «Es gab international Bestrebungen, von untergewichtigen Models wegzukommen, aber es ist offensichtlich erkennbar, dass sich keiner mehr daran hält», sagt Verbandsvorstand René Lang. Vielmehr gebe es aktuell ein großes Angebot an mageren Mannequins.

In seinem Ehrenkodex fordert der Verband seine Mitglieder auf, nur Models mit einem Body-Mass-Index von mindestens 18 zu engagieren, was im Bereich leichten Untergewichts liegt. Lang wünscht sich drastischere Maßnahmen: «So wie auf jeder Zigarettenpackung vor Lungenkrebs gewarnt wird, so müsste vor jeder Modenschau ein Plakat stehen mit Bildern von ausgefallenen Zähnen und dem Spruch: Bulimie kann zum Tod führen.»

Bundesfachverband Essstörungen

Verband deutscher Mode- und Textildesigner

Robert Koch-Institut

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