zur Navigation springen
Ernährung & Gesundheit

15. Dezember 2017 | 00:25 Uhr

Klettern : Hoch hinaus

vom

Immer mehr Norddeutsche entdecken den Klettersport für sich. Aber was ist so toll daran, in 14 Metern Höhe an einem Griff zu hängen? Ein Selbstversuch.

shz.de von
erstellt am 14.Jun.2013 | 04:26 Uhr

Stockelsdorf | Aus der Nummer komme ich jetzt nicht mehr raus. Der Gurt spannt um meine Hüften, der Achterknoten sitzt fachmännisch und die rote Route ist meine. "Oben, die Hupe, das ist dein Ziel", sagt Günther, den ich gerade zum ersten Mal sehe und der gleich mein Leben buchstäblich in den Händen halten wird. Nervös halte ich an der Kletterwand nach einer Hupe Ausschau. Ganz oben, in 14 Metern Höhe finde ich sie. Meine Hände werden feucht, mein Herz klopft schneller. Günther gibt letzte Anweisungen. Die rauschen aber ungehört an mir vorbei, ich kann mich einfach nicht mehr konzentrieren. Noch ein belangloser Witz von meiner Seite, dann gehts los.
Die ersten zwei Meter gehen leicht, die roten Griffe unter meinen Füßen fühlen sich stabil an, mutig ziehe ich mich weiter hoch. Dann verklettere ich mich, plötzlich sind nicht mehr rote, sondern blaue Griffe in Reichweite. Günther dirigiert mich zurück auf die rote Route. In meinen Armen zieht es mangels Kondition und Klettertechnik, aber ich will weiter. Von meinen Kletterkollegen werde ich angefeuert: "Gut so, das schaffst du!" Doch in acht Metern Höhe schaue ich nach oben und die schwarze Hupe erscheint mir weiter entfernt denn je. Die Angst packt mich: "Was du hochkletterst musst du irgendwie auch wieder runter," denke ich und schaue nach unten. Meine Kletterkollegen sehen schon ganz klein aus. Ich gebe Günther einen kurzen Befehl. Das Seil spannt sich, jetzt muss ich mich in es hinein fallen lassen und darauf vertrauen, dass Günther seinen Job beherrscht.

Routen von 3+ bis 10-

Nach kurzem Zögern lass ich die roten Griffe los und lande sicher im Seil. Stück für Stück geht es nun abwärts. Als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, fühlen sich meine Beine an wie Pudding. Mein Herz rast immer noch. Trotzdem durchströmt mich ein Glücksgefühl. Die Hupe habe ich zwar nicht gedrückt. Aber ich hab mich getraut! Und darauf bin ich stolz. "Das ist es, was ich an meiner Arbeit so mag: Klettern macht zufrieden. Und das merke ich meinen Kunden auch an", sagt Silvia Scheel, Geschäftsführerin von "Monkey Moves", ihren Angaben zufolge die größte Indoor-Kletterhalle Schleswig-Holsteins.
1000 Quadratmeter Kletterfläche stehen hier in Stockelsdorf (Kreis Ostholstein) zur Verfügung. 70 Routen sind in die 14 Meter hohen Wände gebohrt und wirken auf den Laien wie eine Kunst-Installation. Doch die blauen, roten, grünen und gelben Punkte in den unterschiedlichsten Größen folgen einem strengen System. Je schwerer die Route, desto steiler die Wand und desto größer die Abstände zwischen den immer kleiner werdenden, bunten Griffen. Die Routen sind durchnummeriert nach Schwierigkeitsgrad: 3+ steht für die einfachste Route, 10- für die schwerste. Letztere lässt sich lediglich von Hochleistungssportlern bezwingen. Ansonsten können auch Anfänger beim Klettern relativ zügig Erfolge erzielen: Wer regelmäßig trainiert, kommt nicht nur hoch hinaus, sondern auch schnell vorwärts.

Fitnessprogramm trotz Knieproblemen

Eine Etage höher gibt es in den "Monky Moves" zusätzlich einen sogenannten Boulder-Bereich. Bunte Griffe finden sich dort ebenfalls en masse, doch die Wände sind lediglich vier Meter hoch, dicke Matten kleiden den Boden aus. Sie sind nötig, denn Bouldern ist eine eigene Disziplin im Sportklettern und bedeutet: Klettern ohne Seil. Silvia Scheel (47) ist seit 20 Jahren leidenschaftliche Kletterin und erfüllte sich mit dem Bau der Halle in der Nähe von Lübeck einen Traum. "Um den Sport zu betreiben, musste ich früher immer nach Hamburg fahren. Deshalb war schon damals mein Gedanke: Eine Kletterhalle muss es auch in Schleswig-Holstein geben." Am 15. Juni 2012 eröffnete sie "Monkey Moves" und arbeitet seitdem mit ihrem achtköpfigen Team daran, dass sich Klettern auch im Norden durchsetzt.
"Der Sport ist auf der ganzen Welt bekannt. Gerade wird sogar diskutiert, ob Klettern 2020 Olympische Disziplin werden soll. Allein in Deutschland gibt es 400 Kletterhallen - in Schleswig-Holstein muss der Sport allerdings noch richtig ankommen." Die meisten Kunden hatten vor der Eröffnung von "Monkey Moves" keine Klettererfahrung. So auch der 46-jährige Thomas Urner aus Lübeck. Seit einem dreiviertel Jahr trainiert er nun dreimal wöchentlich. "Als ich herkam hatte ich starke Knieprobleme, sechs Operationen hinter mir und konnte eigentlich gar keinen Sport mehr treiben. Seitdem habe ich elf Kilo abgenommen und klettere jetzt Routen mit dem Schwierigkeitsgrad 7. Vor einem halben Jahr war daran überhaupt nicht zu denken!" Thomas Urner lässt das Klettern nicht mehr los - und so gehe es vielen, sagt Silvia Scheel.

Ein Sport für Jung und Alt

Nach einer Schnupperstunde (15 Euro pro Person) kommen die meisten wieder und machen einen Einsteigerkurs (45 Euro pro Person). Dabei steht weniger das Klettern im Vordergrund als die Sicherungstechnik. Denn auch wenn jeder für sich alleine die 14 Meter hohe Wand erklimmen muss: Klettern ist ein Teamsport. Unten steht jemand, der dafür verantwortlich ist, dass der Kletterer heil wieder auf dem Boden ankommt. Wer klettert, muss zu seinem Partner also großes Vertrauen haben. Umso wichtiger, dass dieser die zugehörige Technik beherrscht. "Wer nicht weiß, wie es richtig geht, darf bei uns keinen Kletterer sichern", betont Scheel. Wie gefährlich sie den Sport einschätzt? Die Frau mit den blonden Locken wiegelt ab: "Die Sicherheitstechnik ist inzwischen sehr ausgefeilt. Stürze gibt es natürlich, aber die laufen in der Regel kontrolliert ab, das lernen die Kletterer in unseren Kursen. Unfälle können nun mal bei jedem Sport passieren."
Welche Voraussetzungen man fürs Klettern mitbringen muss? Eigentlich nur die Lust an der Herausforderung, meint Scheel. "Klettern kann jeder. Unsere jüngste Kundin ist 4 Jahre alt, unser ältester Kletterer 74." Selbst Höhenangst sei kein Hinderungsgrund. Die lasse sich durchs Klettern überwinden. Auch ein Kraftprotz muss man nicht sein. "Zum Klettern braucht man keine Kraft, sondern nur eine gute Beinarbeit und Technik." So sind ein Drittel der Kletterer in den Monkey Moves weiblich. Die meisten kommen mit ihrem Partner. Scheel: "Das ist noch ein Vorteil: Familien können den Sport gemeinsam betreiben. Dabei ist es völlig egal, wer welches Level hat." Und wer keinen Partner zum Klettern hat? Der kommt einfach bei den Klettertreffs vorbei, die zweimal in der Woche angeboten werden. Da hilft jeder jedem.
Klettern also als der ideale Familiensport? Ich muss zugeben: Vor meinem Besuch in den "Monkey Moves" hielt ich Klettern für eine Randerscheinung, die nur von waghalsigen Extremsportlern betrieben wird. Doch als ich die Kletterhalle verlasse, bin ich mir sicher: Irgendwann werde auch ich die schwarze Hupe drücken.

Klettern In Schleswig-Holstein - Ausgewählte Adressen:

• Monkey Moves in Stockelsdorf bei Lübeck, Infos unter Telefon: 0451/81300956 oder im Internet: www.monkeymoves.de

• Kletterwand im Sportzentrum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Infos per E-Mail anklettern@dav-kiel.de oder im Internet: www.dav-kiel.de/klettermoeglichkeiten_termine/

• Urban Apes in Lübeck, Infos unter Telefon 0451/61915740 oder im Internet: www.urbanapes.de

Eine Übersicht über sämtliche Kletterparks und Hochseilgärten in Schleswig-Holstein finden Sie im Internet unter www.kletterparks.info/Schleswig-Holstein/

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen