Auszeit von der Krankheit : Hobby als Therapie

Er bastelt für sein Leben gern: Der Kartonmodellbauer Karl Nielsen. Foto: Kahlke
Er bastelt für sein Leben gern: Der Kartonmodellbauer Karl Nielsen. Foto: Kahlke

Karl Nielsen aus Flensburg hat eine erfüllende Ablenkung von seiner Krankheit gefunden. Das Kartonmodellbauen erfreut auch das Krankenhauspersonal.

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12. April 2013, 11:08 Uhr

Der Ingenieur gehört nicht zu den niedergeschlagenen Menschen und dennoch brauchte Karl Nielsen in den vergangenen Monaten Ablenkung. Der Mann aus Freienwill bei Flensburg hat Krebs, Lymphdrüsenkrebs. Seit Oktober setzt er sich mit seiner Krankheit auseinander, vor drei Wochen hat Nielsen seine letzte Chemotherapie bekommen - und war dennoch aktiv: Drei Schiffe hat der Bastler in der Zeit geschaffen. Nielsen ist Kartonmodellbauer.

"Ich wollte nicht im Sessel sitzen und in mich hineinhorchen", sagt der 65-Jährige, dessen haarloser Kopf und die leicht gelbliche Gesichtsfarbe noch auf die Behandlung hinweisen. Der frühere Ingenieur für Nachrichtentechnik hat zur Ablenkung einfach mit seinem Hobby weitergemacht. Die Schiffe Alexandra, Dan und die Maria S. Merian sind seit Oktober entstanden. "Sehr zur Freude des Personals in der Klinik", erinnert sich Nielsen, der die erste und letzte Einheit der Chemo stationär erhielt.

Modellbau trotz Nebenwirkungen der Chemotherapie

Bei seinem ersten Aufenthalt liegt der Familienvater allein in einem Zimmer und kann seine Bastel-Utensilien ausbreiten. Krumme, gerade und Klemm-Pinzetten, Scheren, Metallstäbe zum Einrollen von Pappteilchen, Faserstifte zum Markieren der Schnittstellen und Cuttermesser sind die üblichen Hilfsmittel, mit denen Karl Nielsen die Einzelteile für ein Modell ausschneidet, freistanzt, fixiert, klebt und nach und nach zusammensetzt.

Die Chemotherapie hat ihre Spuren hinterlassen. Doch die Einschränkungen könnten deutlich stärker ausfallen, sagt er. Ihm sei nicht übel, die Organe schmerzten nicht, er leide nicht an Appetitlosigkeit und er habe nur vereinzelt Stimmungsschwankungen erlebt, sieht er das Glas zur Hälfte gefüllt. Doch Sehstörungen, Geschmacksirritationen und gefühllose Fingerkuppen erinnern auch ihn an die leere Hälfte.

Viel Liebe zum Detail

Etwa dann, wenn er eine Nadel nicht mit bloßen Fingern greifen kann. "Dann nehme ich eben die Pinzette zur Hilfe", hadert Nielsen nicht lange mit seinen Einschränkungen. Und beim Kartonmodellbau schon gar nicht. "Wenn ich an meinen Modellen arbeite, dann vergesse ich alles andere." In solchen Stunden des Vergessens erwuchsen die Alexandra, das Dampfschiff von Flensburg, im Verhältnis 1:250 und die dänische Eisenbahnfähre Dan (1:100) seinen Händen. Doch den größten Teil der Zeit nahm der Bau der Maria S. Merian ein. Innerhalb von zwei Monaten baute der geübte Bastler das Forschungsschiff im Verhältnis 1:250 nach. Das Schiff wurde zu seinem ganz eigenen Krebsmodell, wie er es nennt. Auch ohne Gefühl in den Fingerkuppen entstanden kleinste Treppen, feinste Geländer und die Andeutung der Instrumente auf der Brücke. Wer genauer hinsieht, erkennt, dass Fenster und Bullaugen Freiflächen sind. Auf solche Feinheiten legt Karl Nielsen viel Wert. Und er machte seine Detailliebe zum Leitspruch der vergangenen Monate: "Wer im Kartonmodellbau die Fenster ausschneidet, der besiegt den Krebs.

"Dass er die außergewöhnliche Zeit so gut überstanden hat, führt Nielsen nicht in erster Linie auf sein Hobby zurück: "Ich bin von Natur aus ein Stehauf-Männchen", sagt er. Eines aber, so gibt er zu, störe ihn grundlegend: "Es beschäftigt mich, dass ich auf Ärzte und Apparate angewiesen bin. Sie sagen mir, wie es mir geht. Ich habe nicht das subjektive Gefühl." In solchen Momenten wirkt der Kartonmodellbau als Mittel fürs Vergessen besonders stark.

Heilung von Körper und Seele

Das vollständige Vergessen sei es nicht, schränkt Dorothee Svarer ein. Die Pastorin gehört dem Team aus sechs Seelsorgern im Malteser-Krankenhaus St. Franziskus in Flensburg an. Die Zusammenhänge zwischen einer geliebten Beschäftigung und dem Krankheitsverlauf sei ihres Wissens nicht explizit untersucht worden. Doch dass Sport zum Beispiel eine positive Wirkung auf den Menschen auch bei Krankheiten habe - wenn die gesundheitlichen Einschränkungen es denn zuließen -, sei hinlänglich erwiesen. Die Pastorin mit therapeutischer Zusatzausbildung und psychoonkologischer Weiterbildung spricht drei Aspekte bei Hobbys an: "Es ist von Vorteil, wenn Menschen sich mit Dingen beschäftigen, die ihrer Ansicht nach sinnvoll sind, für die sie sich ein Ziel setzen und die ihnen eine Auszeit von der Krankheit gewähren. "Denn wenn die Krankheit in den Hintergrund trete, tanke man wieder auf, könne Kraftreserven sammeln. "Man macht wieder lebendige Erfahrungen."

Ein Hobby hilft dabei, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Die seien, so erklärt es Svarer, in jedem Menschen angelegt, müssten allerdings bei manch einem aus den tiefsten Tiefen hervorgeholt werden. Nur vereinzelt seien sie bei Patienten nicht mehr aufzufinden. Dorothee Svarer gibt an, dass etwa 20 Prozent der Krebspatienten im Franziskus-Hospital Flensburg solch unterstützender Gespräche bedürfen. Der Rest macht es mit sich aus oder hat externe Hilfe. Ganz praktisch bietet das Haus seinen Patienten Maltherapie an.

"Wenn der Mensch erfährt, dass er trotz seiner Krankheit noch etwas schaffen, etwas erreichen kann, heilt das die Seele und damit auch den Körper", ist Svarer überzeugt. Denn Körper und Seele müssen gemeinsam betrachtet werden. Der Kranke erkennt: "Ich bin trotzdem ein vollwertiger Mensch", erklärt die Seelsorgerin.

Wer Interesse am Kartonmodellbau hat oder die Gruppe "Kartonmodellbauer zwischen den Meeren" in Flensburg kennenlernen möchte, der erreicht Karl Nielsen telefonisch (04602-545) oder per E-Mail an nielsen-karl@online.de.

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