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Ernährung & Gesundheit

21. Oktober 2017 | 20:29 Uhr

Großer Zeh auf der schiefen Bahn

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor allem Frauen leiden unter der schmerzhaften Zehenfehlstellung Hallux valgus / Bei schweren Fällen kann eine Operation helfen

shz.de von
erstellt am 05.Dez.2013 | 00:33 Uhr

Tanzen zu gehen mit ihrem Mann – für Angelika Nitsche ist das Hobby fester Bestandteil ihres Lebens. Schmerzen dabei zu haben, war für die 58-jährige Heikendorferin ebenso – leidvolle – Selbstverständlichkeit. Seit ihrem 30. Lebensjahr lassen ihre verformten großen Zehen an schlechten Tagen jeden Schritt zur Qual werden. Schicke, schmale Schuhe zu tragen, verbot sich durch die – von Medizinern als Hallux valgus bezeichnete – Fußfehlstellung von selbst. Und einen höheren Absatz, „maximal vier Zentimeter“, gönnte sich die 58-jährige Heikendorferin nur zu besonderen Anlässen.

„Der Halux valgus ist die häufigste Fehlstellung der Zehen, von der zu 90 Prozent Frauen betroffen sind“, erklärt Dr. Roland Wagner, Facharzt für Orthopädie in Kiel. Als Ursachen für den Ballenzeh kommen meist mehrere Faktoren zusammen: eine erbliche Vorbelastung, schwaches Bindegewebe und „falsche“, also zu enge und hochhackige Schuhe. „Sie verhindern das natürliche Abrollen des Fußes und verlagern das Gewicht einseitig auf den Vorderfuß.“ Häufiges Stehen, Übergewicht oder Rheuma erhöhen das Risiko.

Meist gehe der Fehlstellung ein Spreizfuß voraus, sagt Wagner: Die Bänder, die die Mittelfußknochen zusammenhalten, erschlaffen, der Fuß verbreitert sich im vorderen Teil. Der Sehnenzug jedoch, der den großen Zeh in Stellung hält, bleibt straff – und zieht den Zeh nach außen, in Richtung der Nachbarzehen. Der Ballen ragt an der Fußinnenseite sichtbar heraus und scheuert am Schuh. Rötungen, Druckstellen und Schleimbeutelentzündungen, aber auch Schmerzen im Mittelfuß sind die Folge. Schon Kinder könnten unter einem Hallux valgus leiden, sagt der Orthopäde. „Die meisten meiner Patienten sind jedoch im Alter zwischen 40 und 60 Jahren.“

Die „konservativen Therapiemöglichkeiten“ sind Wagner zufolge begrenzt: Zwar könnten spezielle Schaumstoffpolster den Druck des Schuhs auf den Ballen mildern, Einlagen den Spreizfuß stützen. „Sie dienen aber vor allem dazu, die Beschwerden zu lindern. An der Fehlstellung des Zehs ändern sie nichts.“ Um diese hinauszuzögern, sei Krankengymnastik zur Stärkung der Fußmuskulatur zwar hilfreich – in erster Linie jedoch bei Kindern. „Ist das Ende der konservativen Mittel erreicht, der Leidensdruck aber trotzdem hoch, hilft nur eine operative Korrektur.“ Rund 70 000 Menschen in Deutschland unterziehen sich einem solchen Eingriff pro Jahr. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Bleibt der Ballenzeh unbehandelt, können weitere Zehenfehlstellungen oder eine Arthrose die Folge sein.

Bei Angelika Nitsche sorgten immer stärkere Schmerzen und Krämpfe für den entsprechenden Leidensdruck. Als der Ballenzeh drohte, auch die wöchentlichen Tanzabende endgültig zu beenden, entschloss sie sich zu einer Operation. Jedoch erst „nach langem Zögern“, wie sie sagt. Denn ein erster Eingriff, bei dem 2001 an beiden Füßen lediglich die Ballen abgeschliffen wurden, war „total erfolglos“ geblieben.

Es gebe mehr als 150 Varianten, einen Hallux valgus zu korrigieren, sagt Orthopäde Wagner. Und skizziert die „Scarf-Osteotomie“ genannte Technik (siehe Foto), die er bei Patientin Nitsche – zuerst am linken Fuß – anwendete: „Die Sehne, die den Zeh in Fehlstellung bringt, wird durchtrennt, der Ballen abgeschliffen. Anschließend wird der erste Mittelfußknochen ebenfalls durchtrennt, nach außen verschoben und mit Schräubchen fixiert.“

Knapp eine Stunde dauert die Operation in Vollnarkose, die vollständige Heilung im Normalfall eineinhalb bis drei Monate. Anfang Oktober unterzog sich Angelika Nitsche dem Eingriff in der Helios Klinik Kiel, anschließend musste sie sechs Wochen einen speziellen „Vorfußentlastungsschuh“ tragen. Mit ihrem Job am Empfang eines Telekommunikationsunternehmens setzte sie vier Wochen aus. „Wer körperlich arbeitet, ist in der Regel sechs Wochen krankgeschrieben“, sagt Roland Wagner.

Zwei Monate nach der OP verspürt Angelika Nitsche zwar noch einen „leichten Druck“ im operierten Fuß. Der Schmerz sei jedoch verschwunden – und auch der erste Tanzabend vor zwei Wochen erfolgreich verlaufen. „Rumba und Chachacha haben schon wieder gut geklappt“, erzählt sie. „Mit den schnelleren Stücken warte ich lieber noch.“

Die Operation des rechten Fußes ist bereits für Februar geplant. Geplant ist aber auch ein ganz besonderer Einkauf – dann, wenn die Folgen des zweiten Eingriff abgeklungen sind. „Als erstes werde ich mir schöne Tanzschuhe kaufen“, sagt die Heikendorferin. „Aber mit gemäßigten Absätzen.“

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