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Gesellschaft als Nährboden für narzisstische Eigenschaften

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München (dpa) - Immer mehr Menschen brauchen Aufmerksamkeit und Bewunderung in einem Maße, das zwar nicht unbedingt krankhaft, aber narzisstisch ist. Hohe Anforderungen, Selbstdarstellungen im Internet und Ratgeber zur Selbstliebe fördern diese Eigenschaften.

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erstellt am 23.Mai.2013 | 05:33 Uhr

München (dpa) - Immer mehr Menschen brauchen Aufmerksamkeit und Bewunderung in einem Maße, das zwar nicht unbedingt krankhaft, aber narzisstisch ist. Hohe Anforderungen, Selbstdarstellungen im Internet und Ratgeber zur Selbstliebe fördern diese Eigenschaften.

Narzisstische Menschen fühlen sich besonders, wollen übermäßige Bewunderung, und beanspruchen das Beste für sich. Das Umfeld nimmt solche Menschen ganz anders wahr: Sie nutzen zwischenmenschliche Beziehungen aus, verhalten sich arrogant und sind wenig mitfühlend. Und unsere Gesellschaft ist nach Expertenmeinung der Nährboden für solche Verhaltensweisen. «Wenn man Erfolg haben will, braucht man narzisstische Eigenschaften», sagt der Präsident der Psychotherapeutenkammer Bayern, Nikolaus Melcop.

Auch zu hohe Anforderungen an Kinder und Jugendliche bei fehlender emotionaler Unterstützung begünstigen laut Melcop narzisstische Eigenschaften. Später könne auch eine starke Erfolgsorientierung in der Arbeitswelt dazu führen. Anforderungen an Führungskräfte ähneln oft den Kriterien, die einen Narzissten ausmachen. Von sich übermäßig überzeugt zu sein, werde dadurch gefördert und gefordert.

Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Schmidbauer geht davon aus, dass auch das Internet für Menschen mit narzisstischen Eigenschaften eine große Rolle spiele: Sie seien dort aktiver als andere und nutzten beispielsweise soziale Netzwerke zur positiven Selbstvermarktung. Sich im Internet darzustellen, sei reizvoll für Menschen mit narzisstischen Eigenschaften, weil jemand, der sich online besonders präsentiere, auch stärker wahrgenommen werde, erklärt Schmidbauer. Reaktionen auf Aussagen oder Inhalte kämen nicht unmittelbar, sondern man sitze «in einer geschützten Hülle zu Hause vorm Computer». Das setze auch die Hemmschwelle herab, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen.

Bei etwa sechs Prozent der Bevölkerung entwickeln sich die narzisstischen Eigenschaften im Laufe ihres Lebens zu einer narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS). Ein selbstverliebter Mensch, der großspurig auftritt, ist nicht automatisch krank: «Ein gesunder Narzissmus gehört zum gesunden Menschen dazu», sagte Melcop. Nur wenn eigentlich normale Eigenschaften ein krankhaftes Ausmaß annehmen, ist jemand von der sogenannten narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen. Maßstäbe sind unter anderem Größengefühl, Erfolgsfantasien, Neid oder das Ausnutzen anderer. Um die Diagnose stellen zu können, muss das Verhalten der Betroffenen dauerhaft von der Norm abweichen.

Eine Therapie könne Betroffenen oft helfen, da sind sich Schmidbauer und Melcop einig. Dabei werde am Verhalten gearbeitet und nach der Ursache der Persönlichkeitsstörung gesucht. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kommen häufig aber gar nicht auf die Idee, dass sie eine Therapie brauchen: «Sie erleben sich als jemanden, der unfehlbar ist und keine Hilfe braucht», sagte Melcop. Oft geben deshalb Eltern oder Angehörige den Anstoß für eine Therapie.

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