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Baby im Brutkasten : Frühchen - 2000 Gramm Leben

vom

Die kleine Nova kommt sechs Wochen zu früh zur Welt. Wie ihr ergeht es vielen Kindern. Für die Kleinen und ihre Eltern bedeutet das eine schwere Zeit.

Lübeck | Nova ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Nicht mal ein bisschen. Sie schläft einfach. Der Besuch ist ihr ebenso egal, wie die Fotos, die von ihr und ihrer Mutter gemacht werden. Aber das kleine Mädchen kann auch anders. Schon vor seiner Geburt sorgt es für kräftig Wirbel. Den Mutterschutz gönnt die kleine Nova ihrer Mama Julia Siemers nicht.

An einem Freitagnachmittag verabschiedet sich die 31-Jährige von ihren Kollegen, abends platzt ihr die Fruchtblase - sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Drei Tage bekommt die Frau aus Ratzeburg Wehenhemmer. Am Montag werden sie abgesetzt, Dienstag um 8.01 Uhr erblickt Nova auf natürlichem Wege in der 34. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt. 2350 Gramm wiegt das Baby, bei 46 Zentimetern Körpergröße. Nova ist ein Frühchen - und auf der Kinderstation der Uniklinik Lübeck wahrlich nicht allein.

Frühgeburten: Ein stark diskutiertes Thema

Als Frühgeborenes wird ein Kind bezeichnet, das vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren wird und ein Geburtsgewicht unter 2500 Gramm hat. Fast jeden Tag wird dort durchschnittlich ein Frühgeborenes zur Welt gebracht - und von einem erfahrenen Team von Kinderärzten und Kinderkrankenschwestern betreut. 300 Frühgeborene sind es etwa pro Jahr, davon 50 bis etwa 60 mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm. Während die Geburtenrate insgesamt eher rückläufig ist, nimmt "die Zahl der Frühgeborenen in den westeuropäischen Staaten zu", erklärt Prof. Dr. Wolfgang Göpel, Neonatologe und pädiatrischer Intensivmediziner der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Lübeck. Die Steigerung sei "schon erheblich".

Schätzungen gingen von jedem zehnten Neugeborenen aus. Ein Frühgeborenen-Report der Vereinen Nationen aus dem vergangenen Jahr spricht von einem Anteil von 9,2 Prozent. Über die Ursache wird in der Medizin heftig spekuliert. Es gebe viele mögliche Gründe, sagt Göpel. Einer könnte das zunehmende Alter der Mütter sein. Auch über die Reproduktionsmedizin wurde lange diskutiert. Allerdings, so erklärt der Lübecker Mediziner, könne diese mittlerweile nur eine geringe Rolle spielen, da die reproduktionsmedizinischen Verfahren sich in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert hätten. Ein weiterer Punkt seien die Kaiserschnittentbindungen, die in der Regel zu einer kürzeren Schwangerschaftsdauer führen. Der Prozentsatz ist in den vergangenen zehn Jahren von 20 auf über 30 Prozent gestiegen.

Sorge um das Kind - ein Leben lang

Für Julia Siemers war die überraschend schnelle Geburt "natürlich erstmal ein Schreck". Ganz kurz, etwa zwei Minuten, durfte sie ihre Tochter auf die Brust legen, sie in den eigenen Händen halten. Dann ging die Kleine in die Obhut der Ärzte über. "Insgesamt habe ich mich hier sehr gut aufgehoben gefühlt", sagt die junge Mutter. Aber Sorgen bleiben. Das weiß auch Heike Willeke. Vor acht Jahren kam ihre Tochter in der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt. Gerade einmal 700 Gramm wog das kleine Mädchen. Ein halbes Jahr verbrachte es auf der Intensivstation. Heute ist Willeke die Vorsitzende des Lübecker Elternvereins "Känguruh für das frühgeborene Kind".

Sie sagt: "Für die Eltern ist es eine hoch belastende Ausnahmesituation. Wir wissen, dass die Ängste bis ins Erwachsenenalter der Kinder reichen." Ihr selbst geht es genauso. Die Bilder kommen immer wieder. Panik ist unter werdenden Eltern allerdings nicht angesagt. "Das Thema wird oft auf die extrem Frühgeborenen, also die mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm, reduziert", sagt Oberarzt Göpel. "Natürlich spielen sie auch eine Rolle, aber ein Großteil unserer Patienten wächst vollkommen normal auf." Generell gilt: Je später die Kinder zur Welt kommen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung.

Aufpäppeln braucht Zeit

Die meisten kleinen Frühchen müssen nach der Geburt beatmet werden. Manche Kinder sogar monatelang. "Atemprobleme stehen sicherlich im Vordergrund", erklärt Göpel. Auch Nova braucht zunächst Unterstützung, allerdings nur ein paar Stunden lang. Ein anderes typisches Problem für Frühgeborene ist die Ernährung. Nova wird über eine Magensonde versorgt. Sie ist ein bisschen zu schwach, um vollständig gestillt zu werden. Daher wird ihr abgepumpte Milch ihrer Mutter zugeführt.

Generell sei es extrem wichtig, die Eltern früh einzubinden, sagt Göpel. Beim Windelwechseln, beim Nahrung zuführen. "Es hört sich ganz wenig an", erklärt der Mediziner, "bedeutet aber sehr viel". Diese Woche, 13 Tage nach der Geburt, konnten Julia Siemers und ihr Mann die kleine Nova schon mit nach Hause nehmen. Ihren Eltern ist das nur recht. In diesem Fall kann es ihnen gar nicht schnell genug gehen.

Die Serie: Kinderkrankheiten - An jedem ersten Donnerstag im Monat dreht sich auf der Nordisch-gesund-Seite alles um die Gesundheit der Kinder. In Zusammenarbeit mit verschiedenen niedergelassenen Kinderarztpraxen und -kliniken stellen wir unter anderem klassische Symptome im Kindesalter, spezielle Krankheitsbilder, Therapiemöglichkeiten und ganz besondere persönliche Geschichten vor. Die Serie wird fachlich beraten durch Prof. Dr. Frank-Michael Müller.

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erstellt am 08.Mär.2013 | 07:43 Uhr

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