Drohende Lebensgefahr : Frauenherzen schlagen anders

'Frauen holen beim Herzinfarkt deutlich auf', warnt Prof. Norbert Frey, hier mit einem Herzmodell im UKSH in Kiel. Foto: Staudt
"Frauen holen beim Herzinfarkt deutlich auf", warnt Prof. Norbert Frey, hier mit einem Herzmodell im UKSH in Kiel. Foto: Staudt

Frauen und Männer sind verschieden - und sie sind auch anders krank. Medizinisch wird dies besonders deutlich beim Thema Herzinfarkt.

shz.de von
06. April 2011, 05:52 Uhr

Die frauenspezifische Gesundheitsforschung hinkt auf diesem Feld deutlich hinterher, denn lange galt der Herzinfarkt als Männersache, als Alarmsignal der Körper von gestressten Managern. Ein Fehler, der für viele Patientinnen nach einem Infarkt oft zu schweren, lebenslangen Folgen führt, denn Frauenherzen schlagen nun mal anders.
Noch erleiden mehr Männer den Supergau im Herzen. Sie machen rund zwei Drittel der Infarkt-Patienten aus. Doch die Frauen holen stetig auf, da immer mehr von ihnen rauchen oder vergleichbaren Stress bei der Arbeit oder durch die Doppelbelastung Familie und Beruf haben. "Mit 60 Jahren ist für eine Frau das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, größer als an Brustkrebs", nennt Prof. Dr. Norbert Frey, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie am UKSH eine Tatsache, die selbst vielen Frauen nicht bekannt ist.
Schüttelfrost und Übelkeit
"Betroffene und Ärzte erkennen einen Fraueninfarkt oft später als einen Männerinfarkt", sagt Frey. Grund sind die in vielen Fällen unterschiedlichen Symptome. Drückender oder brennender Schmerz in der Brust, Atemnot, Angstzustände - unter so klassischen, selbst für Laien leicht erkennbaren Anzeichen setzen Frauenherzen oft nicht aus. Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Schweißausbrüche und Schüttelfrost sind die Boten vieler weiblicher Infarkte. Selbst die Betroffene denkt eher an Magenbeschwerden denn an verstopfte Herzkranzgefäße.
Fatale Folge dieser Fehleinschätzung: Es vergeht viel kostbare Zeit, bis der Infarkt erkannt und behandelt wird. Beim klassischen Männerinfarkt wird meist sofort der Notarzt gerufen. Von diesem erhält der Patient noch zuhause Blut verdünnende und Schmerz lindernde Medikamente, kurz darauf beginnt die Akutbehandlung im Krankenhaus.
"Frauen sterben häufiger an einem Infarkt als Männer"
Bei vielen Fraueninfarkten wird dagegen meist erst mehrere Stunden abgewartet, bis sich die Betroffene so schlecht fühlt, dass dann doch der Notarzt gerufen wird. Da ihre starken Oberbauchschmerzen beispielsweise auch das Symptom eines großes Magengeschwürs sein könnten, werden dann keine Blutverdünnungsmittel gegeben. Erst mit Verzögerung oder gar am nächsten Tag werden dann auf dem Kathetertisch die verstopften Herzkranzgefäße gefunden. Der Herzmuskel ist dann - anders als beim Mann zuvor - nach so langer Zeit so sehr geschädigt, dass sich Teile des Gewebes nicht mehr erholen können. Das Frauenherz bleibt geschwächt. Die späte Erkennung und Behandlung vieler solcher Infarkte hat zur Folge, dass Frauen sich schwerer, manchmal gar nicht mehr erholen. "Frauen sterben entsprechend auch häufiger an einem Infarkt als Männer", sagt Frey.
Um das zu ändern, fordert der Experte, dass Fraueninfarkte intensiver erforscht und ihre Symptome stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Auch wie sich viele Frauen in der Akutphase fühlen, ist noch immer kaum bekannt."Viele trauen Frauen einfach nicht zu, einen Herzinfarkt zu haben", sagt Frey.

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