Selbstdiagnose Unverträglichkeit : Ernährungsstudie: Es wird häufiger auf Gluten und Lactose verzichtet als notwendig

Einschätzung der Gesellschaft für Ernährung: „Frei von“-Lebensmittel haben ein gesundes Image, sind aber nicht für jeden Menschen wirklich von Vorteil.

shz.de von
15. Januar 2018, 04:12 Uhr

Glutenfreie Brote, Pizzen, Speiseeis, lactosefreie Milchprodukte – der Absatz von speziellen „frei von“-Lebensmitteln boomt. Immer mehr Menschen greifen zu Lebensmitteln, die frei von Gluten oder Lactose sind – ohne dass eine medizinische Notwendigkeit besteht. Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ergab, dass rund 80 Prozent der Käufer von lactosefreien Lebensmitteln keine nachgewiesene Lactoseintoleranz haben.

Lactosefrei um jeden Preis

Für den Begriff „lactosefrei“ gibt es derzeit keine gesetzliche Regelung. Die Lebensmittelindustrie bietet eine große Palette an Produkten mit dieser Bezeichnung an. Darunter befinden sich auch Lebensmittel wie Schwarzbrot, Zwieback oder Kochschinken, deren Lactosegehalt nur gering ist. Dies führt bei vielen Betroffenen zur Verunsicherung. Um sicher zu gehen, greifen sie zu gekennzeichneten, aber häufig teureren Produkten. Dabei hätte das herkömmliche Lebensmittel keinerlei Nachteile.

Supermärkte bieten inzwischen eine große Auswahl an Lebensmitteln für Allergiker und Lactose-Introlerante an.
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Supermärkte bieten inzwischen eine große Auswahl an Lebensmitteln für Allergiker und Lactose-Introlerante an.
 

Lactose, sprich Milchzucker, ist ein natürlicher, in Milch und daraus hergestellten Lebensmitteln, vorkommender Zucker. Eine Lactoseintoleranz ist eine der häufigsten Lebensmittelintoleranzen und führt zu Darmbeschwerden wie Bauchschmerzen, Völlegefühl, Blähungen oder Übelkeit. Nur sehr wenige Personen mit Lactoseintoleranz müssen komplett auf Lactose verzichten. Häufig vertragen sie nämlich kleine Mengen wie sie in einer Scheibe Käse, einem Joghurt oder in Fertigprodukten vorkommen, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schreibt (DGE).

Auf Gluten und Lactose zu verzichten ist nicht automatisch gesund

Das Angebot an gluten- oder lactosefreien Produkten hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Und die Einführung der Allergenkennzeichnungspflicht stellt für Betroffene eine deutliche Verbesserung des Gesundheitsschutzes dar. Für Zöliakiepatienten, Weizenallergiker, Menschen mit Weizen- bzw. Glutensensitivität oder Lactoseintoleranz sind diese Lebensmittel ein Segen und erleichtern den Alltag. Leiden sie an einer dieser Unverträglichkeiten, ist das Weglassen des Lebensmittels mit krankheitsauslösenden Inhaltsstoffen die einzig sinnvolle Therapie, denn die Beschwerden lassen dadurch nach oder bleiben aus. „Für alle anderen Personen haben sie keinen nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen“, urteilt die DGE in ihrem 13. Ernährungsbericht.

<p>Die Verunsicherung in Bezug auf Milchprodukte ist in den letzten Jahren gestiegen. Darauf weist der verstärkte Absatz von „frei von“-Lebensmitteln hin.</p>
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Die Verunsicherung in Bezug auf Milchprodukte ist in den letzten Jahren gestiegen. Darauf weist der verstärkte Absatz von „frei von“-Lebensmitteln hin.

 

Offensichtlich verbinden viele Verbraucher mit „frei von“-Lebensmitteln generell positive, gesundheitsfördernde Aspekte, wie eine Gewichtsabnahme oder generell gesundheitliche Vorteile. Viele Verbraucher verzichten allerdings auch ohne ärztlichen Befund, sondern aufgrund einer Selbstdiagnose, auf Weizenprodukte nach dem Motto: „Das vertrage ich nicht, das lasse ich lieber weg.“ Ein freiwilliger Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel bedeutet jedoch nicht automatisch eine gesundheitsfördernde Ernährung – so wie glutenfreie Lebensmittel teilweise beworben werden.

Ein Eingriff in den Nährstoff-Haushalt

Die Lebensmittel unterscheiden sich nicht nur in Geschmack und Preis - durch das Weglassen des Glutens und Ausweichen auf andere Inhaltsstoffe bzw. Lebensmittel kommt es zu Veränderungen der Energie- und Nährstoffzufuhr. Diese sind nicht immer zugunsten des Verbrauchers. Einige glutenfreie Lebensmittel haben einen vergleichsweise höheren Fettgehalt, während der Anteil an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen geringer ist. Werden Weizen und andere glutenhaltige Getreidearten wie Dinkel, Grünkern, Roggen, Hafer und Gerste langfristig vom Speiseplan gestrichen, kann es zu einer geringeren Zufuhr an Ballaststoffen, B-Vitaminen, Magnesium, Zink und Eisen kommen. Beim Verzicht auf Vollkornprodukte bleiben die präventiven Effekte hinsichtlich der Entstehung von Herz-Kreislauf-Krankheiten und bestimmten Krebskrankheiten ungenutzt.

Wer vermutet, unter Zöliakie zu leiden, kann einen Test bei einem Arzt machen.
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Wer vermutet, unter Zöliakie zu leiden, kann einen Test bei einem Arzt machen.

Eine Diagnose vom Arzt beseitigt Zweifel

Wer vermutet, an Unverträglichkeiten zu leiden, kann sich Rat holen. Zöliakie und Weizenallergie lassen sich heutzutage zweifelsfrei vom Facharzt nachweisen. Bei der Gluten- bzw. Weizensensitivität liegen zwar ähnliche Symptome wie bei Zöliakie oder Weizenallergie vor. Unklar ist allerdings, ob es noch andere Auslöser im Weizen gibt. Die Diagnose der Gluten- bzw. Weizensensitivität stellt der Mediziner hingegen nur durch Ausschluss der Zöliakie und der Weizenallergie sowie der Durchführung einer glutenfreien Eliminationsdiät mit anschließendem kontrolliertem Provokationstest.

Fazit der Deutschen Gesellschaft für Ernährung

Wer „frei von“-Produkte ohne Lebensmittelunverträglichkeit konsumiert, zahlt häufig mehr – hat aber dafür keinen gesundheitlichen Nutzen, so das Fazit der DGE. Das Weglassen einzelner Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen erhöht grundsätzlich das Risiko für Nährstoffdefizite und kann langfristig zu gesundheitlichen Einschränkungen führen. Wer aus gesundheitlichen Gründen auf bestimmte Lebensmittel verzichten muss, bekommt bei einer qualifizierten Ernährungsfachkraft individuelle und alltagstaugliche Hilfe.

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