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Im Interview : Erfahrung hilft gegen Stress

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In Stresssituationen kann die größere Lebenserfahrung helfen. Allerdings steigt mit dem Alter auch die Angst. Diplom-Psychologe Dr. Manfred Oetting erklärt uns die Gründe.

Herr Dr. Oetting, in welchem Alter hat man den größten Stress im Leben?

Dr. Oetting: Eine besonders betroffene Gruppe sind Eltern, die kleine Kinder haben, ein Haus bauen und im Beruf übermäßig eingespannt sind. Ansonsten geht das kreuz und quer. Die Gefahr, in Stress zu geraten, hängt neben äußeren Bedingungen von persönlichen Einstellungen ab. Es gibt eigentlich nichts, was Stress macht. Erst die Bewertung einer Situation durch eine kleine Einheit in unserem Gehirn, dem Gefühlsgedächtnis Amygdala, löst die Stressreaktion individuell aus.

Dafür gibt es drei Ursachen: die Befürchtung, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein; die Zielblockade, das heißt, die Unerreichbarkeit von Zielen, die als existenznotwendig erlebt werden, und die erlebte Unmöglichkeit, einer unerträglichen Situation zu entkommen, weil die Fluchtmöglichkeit noch unerträglicher wäre. Das wäre zum Beispiel die Aufgabe des Arbeitsplatzes wegen Mobbings.

Wie steht es um die Generation 50plus?

Die 50-Jährigen gehen vom Tempo runter und versuchen, Stress zu vermeiden. Das Problem dabei: Sie werden ängstlicher. Zudem sind sie im Allgemeinen leichter aus der Ruhe zu bringen.

Dabei dürfte sich eine größere Lebenserfahrung durchaus positiv auswirken.

Ganz genau. Es ist richtig, dass viele Ereignisse in ihrer Bedrohlichkeit abnehmen, wenn sie häufiger vorgekommen und mehrfach bewältigt worden sind. Die Bewältigung von neuen Herausforderungen und Sorgen machen älteren Menschen aber zunehmend zu schaffen. Auch kauen sie oft länger an Problemen. Das kann etwa Schlafstörungen bereiten. Insofern nimmt die Stressanfälligkeit bei vielen älteren Menschen zu.

Bei Jüngeren sind es hingegen oft neue, beeindruckende berufliche Herausforderungen in Kombination mit steigender Arbeitsbelastung, die den Raum für Erholung einschränken. Ich kann nur jedem empfehlen, sich neben der Arbeit noch ganz andere Felder zu suchen, in denen er Freude und Entspannung findet.

Gibt es andere Lösungen mit diesen Stressreaktionen umzugehen?

Es gibt kurzfristige Entspannungtechniken, die man lernen kann. Wenn man allerdings versucht, es nur über Entspannungstechniken hinzubekommen, ist das lediglich Kurieren von Symptomen. Wichtig ist, dass man darüber nachdenkt, warum ausgerechnet diese Situation bei einem den Stress auslöst.

Was genau wären sonst die Folgen?

Es gibt in vielen Unternehmen große Probleme im Umgang miteinander. Die oberen Führungskräfte sind besonders schwer belastet. Die Folge von chronischem Stress ist unter anderem die Veränderung des Sozialverhaltens. Viele Dauergestresste werden zynisch. Das führt zu Problemen im sozialen Umfeld, insbesondere mit Mitarbeitern. Auch ist es ein bedenkliches Anzeichen, wenn die Menschen weder Freude noch Trauer erleben können. Wenn sie dann erstmal das Gefühl bekommen, keine Gefühle mehr zu haben, besteht professioneller Handlungsbedarf.

Was sind weitere Auswirkungen?

Da sind körperliche Signale zu nennen. Die nehmen Frauen übrigens besser wahr als Männer. Die Wahrnehmung gestresst zu sein und die Wahrnehmung körperlicher Anzeichen von Stress korrelieren oftmals nicht miteinander. Das bestätigen Untersuchungen. Man merkt beispielsweise gar nicht, dass das Herz unter Stress wesentlich schneller schlägt, die Atmung sich verändert, die Muskeln sich verspannen. Die Stressreaktion bewirkt - das kommt aus der Urzeit -, dass sich der Körper in Gefechtsbereitschaft versetzt.

Wir sind dann auf Kampf oder Flucht eingestellt, aber nicht auf intelligente Problemlösung. Das ist heute auch noch so. Nur ist der Stress, den wir erleben, gewöhnlich keine kurzfristige physische Bedrohung oder Gefahr mehr, sondern entsteht durch geistig emotionale Beanspruchung. Man kann sich das so vorstellen, als ob man beim Auto den Gang rausnimmt, die Handbremse anzieht und den Motor den ganzen Tag mit Vollgas laufen lässt. Mit seinem Auto würde das niemand machen, aber mit uns selbst?

Sind diese Anzeichen altersunabhängig?

Nein. Aber für die Generation 50plus gilt allerdings besonders, dass sich stressfördernde Charakterzüge verstärken.

Geben Sie uns gerne ein Beispiel.

Ein gutes Beispiel ist übertriebener Perfektionismus. Viele Menschen, die sehr hohe Ansprüche an sich stellen, haben noch nie darüber nachgedacht und in Frage gestellt, ob diese Form des Perfektionismus überhaupt sinnvoll ist. Ich habe gerade eine Klientin. Sie ist Mutter von fünf Kindern und war immer für die ganze Familie verantwortlich, hat immer alles gemacht. Sie ging davon aus, dass die Ehe bedeutet, dass aus zwei Menschen ein Paar wird, also man sozusagen eins wird. Jetzt hat sie ein Burnout bekommen, als Folge von schwerem Stress.

Sie ist seit Wochen krankgeschrieben und nicht mehr in der Lage, die Familie zu versorgen. Das ist nicht langsam, sondern ziemlich plötzlich bei ihr gekommen. Es ist häufig, dass leistungsstarke Menschen plötzlich gegen eine Mauer laufen und wochenlang in der Klinik liegen. Ich habe zwei Ärztinnen gesehen, die konnten nicht mehr sprechen, obwohl sie organisch vollkommen gesund waren. Der Körper schaltet irgendwann einfach ab.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt Stress zu einem der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts.

Ja, das ist leider richtig. Das zeigen die Statistiken Inzwischen beschäftigt sich sogar die Bundesregierung mit diesem Problem der heutigen Arbeitswelt.

Dabei sagen Sie sogar, dass die Stressreaktion eigentlich eine wunderbare Fähigkeit unseres Organismus ist.

Ja, die Stressreaktion führt zu erhöhter Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit. Vor allem kann sie, was ganz wichtig ist, zu Erfolgserlebnissen führen. Freud hat einmal gesagt: Arbeit und Liebe muss im Einklang sein. Mit Arbeit meinte er die Erfolgserlebnisse und mit Liebe den sozialen Rückhalt, das heißt Freunde, Familie und eine verständnisvolle soziale Umgebung mit Wertschätzung. Erfolgserlebnisse und sozialer Rückhalt sind eigentlich die beiden wichtigsten Säulen der Resilienz - der Widerstandsfähigkeit gegen Stress.

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erstellt am 27.Mär.2013 | 05:29 Uhr

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