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Immunschutz bei Kindern : Einfach unverzichtbar

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Ansteckende Krankheiten breiten sich verstärkt aus. Doch viele Menschen wollen ihre Kinder nicht impfen lassen - dabei ist die Angst vor Nebenwirkungen unbegründet.

shz.de von
erstellt am 04.Jul.2013 | 10:58 Uhr

Flensburg | Die Erkrankungsrisiken würden von Pharma-Lobby und Behörden aufgebauscht, die Impfung von Säuglingen mache keinen Sinn, und: "Es sei besser, den Körper Infektionskrankheiten natürlich durchleben" zu lassen: Die Argumente von Impfgegnern sind vielfältig - und doch "unterm Strich" rational nicht plausibel, sagt Privatdozent Dr. Michael Dördelmann, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Flensburger Diakonissenanstalt. Und nicht nur das: "Eltern sollten ihre Kinder so früh wie möglich impfen lassen."
Ausführliche Gespräche mit Eltern, die der Immunisierung kritisch gegenüber stehen oder befürchten, die Gesundheit ihres Babys dadurch zu gefährden, gehören für den Kinderarzt zum täglichen Geschäft. Natürlich sei es gut, wenn Eltern sich zum Wohl ihres Kindes Gedanken machten. "Doch Risiken und Nebenwirkungen von Impfungen sind minimal im Vergleich zu den Folgen, die die Erkrankungen nach sich ziehen können", bringt Dördelmann seine Bewertung eines "hoch emotional" diskutierten Themas auf den Punkt. "Das steht in keinem Verhältnis."

Masern könnten durch Impfungen ausgerottet werden

Die aktuelle Entwicklung gibt Impfbefürwortern recht: So wurden bundesweit in diesem Jahr schon mehr als 1000 Fälle von Masern registriert - ein Vielfaches der 166 Erkrankungen, die 2012 insgesamt gemeldet wurden. Nach Einschätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin ist es wahrscheinlich, dass sie sich weiter ausbreiten - denn Masern sind hochansteckend, und regional gibt es große Impflücken. Meist heile die Krankheit zwar gut ab, sagt Michael Dördelmann. Sie könne jedoch eine Gehirnentzündung verursachen, die lebensbedrohlich ist und langfristig zu schwersten Behinderungen führen kann.
Masern gehören weltweit zu den Infektionen mit der höchsten Sterblichkeit im frühen Kindesalter - und sollten nach den Zielen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eigentlich längst ausgerottet sein. "Dass sie nun auch in Deutschland wieder auf dem Vormarsch sind, liegt auch an den Eltern, die meinen, auf Impfungen verzichten zu können", sagt Dördelmann. Er betont die große sozialmedizinische Bedeutung der "kleinen Piekse" für die sogenannte "Herdenimmunität": "Wenn mindestens 80 Prozent einer Population gegen einen Erreger immun sind, kann er sich nicht weiter ausbreiten und stirbt aus - damit sind auch nicht-immune Individuen geschützt." Bekannte Beispiele seien die Impfungen gegen Pocken, Diphterie und Kinderlähmung.

Chefarzt empfiehlt umfassenden Impfschutz bei Kindern

Welche Impfungen Ärzte wann verabreichen, richtet sich nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO), einem Wissenschaftlergremium am RKI. In den ersten zwei Lebensjahren sieht der Plan Impfungen gegen zwölf Erreger vor. Schon ab dem dritten Lebensmonat wird gegen Tetanus (Wundstarrkrampf), Diphterie, Haemophilus influenzae Typ b (Kehldeckel-, Gehirnhautentzündung), Poliomyelitis (Kinderlähmung), Hepatitis B (Leberentzündung), Pertussis (Keuchhusten) und Pneumokokken (Lungen-, Gehirnhautentzündung) geimpft. Im zweiten Jahr folgen Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln, Windpocken und Erreger von Gehirnhautentzündungen (Meningokokken).
Michael Dördelmann rät dringend dazu, alle Impfungen wahrzunehmen. Für den individuellen Schutz des Kindes seien im ersten Lebensjahr zwar nur die Immunisierungen gegen Pneumokokken und Keuchhusten "unbedingt notwendig". "Aber die Gefahr besteht, dass langfristig praktisch schon ausgerottete Erkrankungen wieder auftreten." Außerdem seien solche Einzelimpfungen nicht möglich - weil es dafür derzeit keine Impfstoffe gebe.

Keine Angst vor Nebenwirkungen

Angst vor Nebenwirkungen der Injektionen bräuchten Eltern nicht zu haben, beruhigt der Kinderarzt. Zwar reagiert der Körper mit Hautrötungen oder -schwellungen, manchmal auch mit Fieber oder Durchfall. "Das klingt aber in der Regel nach 48 Stunden ab." Und auch die Befürchtung, dass der kleine Körper den "Impfhammer" nicht verarbeiten könne, sei unbegründet.
Gegner von Impfungen befürchten, dass diese langfristig sogar schwere Krankheiten wie Diabetes mellitus oder Multiple Sklerose hervorrufen können. Dass solche Autoimmunerkrankungen durch die Impfstoffe ausgelöst würden, sei aber nicht zu belegen, hält Dördelmann dagegen. Die "Fehlreaktion des Körpers auf den Impfstoff" sei angeboren - und könne auch durch andere Erreger hervorgerufen werden. Das gleiche gelte für Asthma oder Neurodermitis. "Es gibt keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Impfungen und Allergien."
Einige Aspekte des "großen Impf-Geschäftes" sieht jedoch auch Dördelmann kritisch. Etwa den durch die Herstellung vorgegebenen "Zwang" zu Kombinationsimpfungen. "Individuellere Impfpläne könnten bei manchen Eltern für eine größere Akzeptanz sorgen. Da müsste die Politik Druck machen."

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