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Ernährung & Gesundheit

21. Oktober 2017 | 18:18 Uhr

Buntes : Eine Stadt im «Gelb-Fieber»

vom

Der Stadtteil, in dem Albi Maier wohnt, ist tot. Das behauptet zumindest der Maler selbst. Der andere Teil dagegen sei quicklebendig. Es geht um Titisee-Neustadt im Schwarzwald.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2013 | 13:07 Uhr

Mit einer ungewöhnlichen Aktion versucht Maier Neustadt wieder Leben einzuhauchen: Er animiert seine Mitbewohner dazu, ihre Häuser gelb zu streichen.

In den 1970er Jahren zu einer Stadt zusammengeführt, gleichen sich die beiden Teile in so gut wie nichts. Jeder kennt Titisee, die Gemeinde am gleichnamigen Schwarzwaldsee. Millionen Touristen scharen sich jährlich an der malerischen Uferpromenade, essen Schwarzwälder Kirschtorte und kaufen Kuckucksuhren. Neustadt dagegen ist alles andere als das Gelbe vom Ei. Kaum ein Tourist verirrt sich in den gut fünf Kilometer vom See entfernten Ortsteil. Lebensmittelgeschäfte und Drogeriemärkte machen dicht, Handwerksbetriebe schließen. Übrig bleiben leere Schaufenster und eine verwaiste Innenstadt.

Maler Maier hatte bereits vor Jahren die Nase voll. «Ich gehe nie in den Urlaub, sondern arbeite immer in meinen Ateliers», sagt er verbittert. «Und wenn man nicht fliehen kann, muss man eben etwas ändern.» So geht der Künstler eines Tages zum technischen Ausschuss der Stadt und fordert: Neustadt muss gelb werden. «Die Leute lachten mich aus», gibt Maier zu. Doch was sich damals wie eine Schnapsidee anhörte, hat sich inzwischen zu einem beachtlichen Projekt gemausert. «Hello Yellow» hat Maier es getauft.

Seine Vision: eine Stadt in Gelb. Vom Amtsblatt bis zum Zebrastreifen. «Wenn eines Tages ein gelbes Auto aus einer gelben Garage fährt, haben wir es geschafft», sagt Maier. Immerhin erstrahlen bereits gut 60 der rund 2000 Gebäude der Stadt in Zitronen-, Gold- und Senfgelb, Ocker oder Chamois. «Konsequent wie er ist, wollte Albi Maier alle Häuser in einem kräftigen Gelbton streichen», sagt Kristina Reinel von Sto, einem Spezialisten für Dämmmaterialien und Farben, der die Initiative betreut. Eine Palette mit 20 verschiedenen Gelbtönen entwarf Sto. Außerdem gab es Geld für eine Homepage.

Für Harald Braem, Professor und Leiter des Instituts für Farbpsychologie im rheinland-pfälzischen Bettendorf, steht die Farbe Gelb etwa für Sonne, Wärme oder Lebensfreude. «Gelb ist eine positive Farbe. Die Neustädter dürften ziemlich lebensfroh sein, wenn die so gut drauf sind, und ihre Häuser gelb streichen», sagt Braem.

Es dauerte nicht lange, bis der Bürgermeister von der Idee überzeugt war. «"Hello Yellow" hat für große Resonanz in und um Neustadt geführt. Es entscheiden sich immer mehr Hauseigentümer, bei einer Sanierung ihr Haus in einem der Neustadt-Gelbtöne zu streichen», sagt Armin Hinterseh (CDU).

Steht die Sanierung eines städtischen Gebäudes an, wird zu Eimern mit gelber Farbe gegriffen. Auch habe man schon Geländer und Masten versucht, in Neustadt-Gelb zu streichen - jedoch nur mit mäßigem Erfolg, räumt Hinterseh ein. Haltbarkeit und Optik seien nicht überzeugend gewesen.

Dass es Maier mit seiner Initiative ernst meint, zeigt er an seinem eigenen Haus. Gelb gestrichen hat er es aber auch erst drei Jahre nach dem Start von «Hello Yellow». «Ich stand unter Zugzwang», lacht Maier, «mit meinem weißen Haus war ich irgendwann nicht mehr glaubwürdig». Sogar Bürgermeister Hinterseh verspricht, sein Haus aus Solidarität in einem Gelbton zu streichen.

Eine Gelb-Sucht ist in Neustadt zwar noch nicht ausgebrochen und die weggezogenen Geschäfte konnte Maier nicht zurückholen. Aber ein Ziel hat der Künstler erreicht: Längst wird in Neustadt und weit darüber hinaus über seine Initiative geredet. Sogar der eine oder andere Tourist verirrt sich nun nach Neustadt. Vielleicht wird auch der Stadtteil Titisee irgendwann einmal gelb - vor Neid.

Homepage Initiative Hello Yellow

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