Bundesweites Vorbild : Ein fast normales Leben

Beschwerdefrei dank integraler Prothese: Thomas Nüsch (li) im Gespräch mit Dr. Horst Aschoff. Foto: Staudt
Beschwerdefrei dank integraler Prothese: Thomas Nüsch (li) im Gespräch mit Dr. Horst Aschoff. Foto: Staudt

Bei einem Motorradunfall verlor Thomas Nüsch sein unteres Bein. Dank einer knochengeführten Prothese der Lübecker Sana-Kliniken kann er mit neuer Leichtigkeit gehen.

shz.de von
17. Oktober 2012, 08:05 Uhr

Lübeck | Es war ein schwerer Motorradunfall, bei dem Thomas Nüsch 1986 sein rechtes Bein verlor. "Ich bin an einem Lkw hängen geblieben", erzählt der 47-jährige Oldesloer trocken, "Trümmerbruch oberhalb des Knies, heute wäre das vielleicht zu retten gewesen, damals wurde am Oberschenkel amputiert." Mit 22 Jahren bekam Nüsch seinen ersten Beinersatz, eine herkömmliche Schaftprothese, wie sie auch heute noch in Verwendung ist. Dabei wird der Oberschenkelstumpf in einen weich ausgepolsterten Schaft eingezogen, an den man das Knie-Unterschenkel-Prothesensystem ankoppelt.
Thomas Nüschs Leben ging weiter, der ausgebildete Maler arbeitete fortan als Werkzeugmacher an Implantaten für Hüft- und Kniegelenke. Ein Zufall, der ihm noch zu Gute kommen sollte. Denn mit seiner Prothese gab es über die Jahre zunehmend Probleme. "Der Schaft saß nicht richtig, scheuerte an der Haut, es gab wunde Stellen, körperliche Aktivitäten wurden mit der Zeit immer anstrengender, schon nach kleinen Wegen war ich kaputt", erinnert sich Nüsch. Dann erfuhr er über seinen Arbeitgeber von einer neuartigen integralen Prothese, welche die Lübecker Sana Kliniken direkt mit dem verbliebenen Oberschenkelknochenstumpf verbinden. "Ich habe mich zunächst gesträubt, ich war ein Angsthase", gibt Nüsch zu. "Wer will schon ein Implantat haben." Doch als er bei der Arbeit aufgrund seiner Probleme wiederholt früher nach Hause gehen musste, änderte sich seine Meinung. "Es hat sich alles nur noch um die Prothese gedreht. Wenn die Schwierigkeiten zu groß werden, greift man nach jedem Strohhalm." Nüsch tat es.
In Lübeck fand Nüsch die Lösung
"Bei den meisten Patienten funktioniert eine Schaftprothese gut", sagt Horst Aschoff, Chefarzt für Plastische, Hand- und Rekonstruktive Chirurgie an den Sana Kliniken in Lübeck. Die Nachteile lägen jedoch in Druckstellen und Reizungen an den Weichteilen. Die Kraftübertragung durch die zwischen Knochenstumpf und Prothese liegenden Weichteile sei zudem ganz grundsätzlich nicht optimal. Der Stumpf gleite in einigen Fällen ab, man rutsche heraus. Darüber hinaus gebe es hin und wieder Probleme mit zu kurzen Stümpfen, mit schmerzendem Narbengewebe oder zu starker Behaarung.
"Es wurde ein neuer Weg gesucht und wir haben ihn beschritten", so Aschoff. Ab 1999 begann er in Zusammenarbeit mit dem Lübecker Implantathersteller Orthodynamics, die knochengeführten Prothesen zu verwenden. Dabei bekommt der Patient in einer ersten Operation ein längliches Anschlussstück für die Prothese in den verbliebenen Oberschenkelknochen implantiert. "Die Wunde wird dann wieder verschlossen, die dreidimensionale, unebene Oberfläche des Implantats verwächst sehr gut mit dem Knochen", beschreibt Aschoff das Verfahren. Nach sechs Wochen Zeit zum Einheilen wird in einem zweiten Schritt der Anschluss nach außen geschaffen. Das Weichgewebe um die Austrittstelle werde dabei soweit reduziert, dass es "wie bei einem Hirschgeweih" straff als Ring am Anschluss anliege und mit der Zeit etwas verhärte. Über ein spezielles Aufbautraining könne ein ansonsten gesunder Patient bereits acht Wochen später mit seiner neuen integralen Prothese laufen, so Aschoff.
Statistiken schlagen allgemeine Skepsis
Insgesamt 68 Implantate hat Aschoff bis heute gesetzt - einige davon auch für Unterschenkel. Eine Patientin trage ihre Prothese bereits seit 13 Jahren. "Das Gangbild ist fast das eines gesunden Menschen. Der Energieverbrauch beim Tragen dieser Prothesen liegt etwa zwischen dem eines Gesunden und dem eines Schaftprothesenträgers", erklärt Aschoff, rund 30 Prozent Energieersparnis seien das. "Natürlich gibt es immer die Schwachstelle von außen nach innen." Darin vermutet Aschoff auch den Grund, warum die Lübecker Sana-Kliniken derzeit der einzige Ort in Deutschland seien, die dieses Verfahren anwendeten. "Die Schulmedizin ist skeptisch wegen der Infektionsgefahr."
Jene allerdings habe man mittlerweile gut im Griff. Das liest sich auch aus den Statistiken der Klinik. Demnach musste insgesamt lediglich in zwei Fällen die integrale Prothese ersatzlos explantiert werden, und seit 2009 gab es keine nachträglichen Eingriffe mehr aufgrund von Entzündungen. Es laufe eine gute Zusammenarbeit mit der Universität Dresden, die zukünftig Patienten in Lübeck behandeln lassen wolle. In den Niederlanden und in Australien werde das Verfahren ebenfalls erfolgreich angewendet, sagt Aschoff. "Seit 2008 tragen deutsche Krankenkassen die Behandlung."
Technik unterstützt beim Gehen
Doch nicht jeder Patient ist für die integrale Beinprothese geeignet. "Es kommen nur ausgesuchte Indikationen infrage", so Aschoff. "Ausgeschlossen sind zum Beispiel Jugendliche, deren Skelett noch wächst, ebenso Diabeteskranke wegen der erhöhten Infektionsgefahr." Ansonsten habe er bereits Patienten im Alter von 18 bis 77 Jahren operiert. Darunter seien zu 80 Prozent Unfallopfer, aber auch einige Patienten mit Knochentumoren und versteiften Kniegelenken.
Thomas Nüsch konnte zehn Wochen nach dem ersten Eingriff wieder gehen. "Man hat erst ein bisschen Angst beim Auftreten, man will ja nichts kaputt machen", erinnert er sich an seine ersten Versuche mit der neuen Prothese. "Es ist eine große Leichtigkeit beim Gehen im Vergleich zur Schaftprothese, ein gutes Gefühl, ich kann wieder über mein Skelett stehen." Beim Gehen hilft ihm das sogenannte C-Leg. Dieses moderne computergesteuerte Kniegelenk in der Prothese erkennt die jeweiligen Schwung- oder Trittphasen und unterstützt sie über kleine Öldruckdämpfer.
Vieles gelingt ohne Pausen
Nüsch zeigt Bilder auf seinem Handy. Dort sieht man den Hausbesitzer beim Heckenschnitt auf der Leiter oder mit Bergen von Holz, das er gehackt hat. "Für das Rasenmähen brauche ich heute ohne Unterbrechung eine Stunde, früher musste ich mich mehrmals zwischendurch hinsetzen", erzählt er. Wenn Thomas Nüsch abends zu Bett geht, kommt Werkzeug zum Einsatz. Mit einem speziellen Schlüssel löst er im Handumdrehen zwei kleine Schrauben, dann kann er seine Prothese abnehmen. Den Anschluss, der stets durch eine kleine Kompresse geschützt ist, reinigt er mit Seife und Wasser. Und während Nüsch seinen eigenen Akku über den Schlaf auflädt, tut es der Akku für das C-Leg an der Steckdose.

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