Modell in Gefahr : Die Zukunft des Landarztes

Matthias Ernst ist einer der Ärzte in der Zweigstellen-Praxis in Joldelund. Foto: Mone
Matthias Ernst ist einer der Ärzte in der Zweigstellen-Praxis in Joldelund. Foto: Mone

Eine eigene Praxis ist für jeden dritten Mediziner kein erstrebenswertes Ziel mehr – und schon gar nicht in einer ländlichen Region wie Nordfriesland.

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26. April 2013, 08:59 Uhr

Nordfriesland | Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht bei jungen Ärzten auf Platz eins ihres privaten Rankings. Damit hängt es auch vom Angebot an Kinderbetreuungsplätzen ab, ob für eine Region in Zukunft die medizinische Versorgung sichergestellt werden kann. Auch vor diesem Hintergrund prüft die Leitung des Klinikums Nordfriesland die Einrichtung eines Betriebskindergartens.

Erst auf Platz drei - nach Erwartungen an die Infrastruktur - folgt das Gehalt. Dies führte Dr. Monika Schliffke von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) bei einer öffentlichen Anhörung zur medizinischen Versorgung in Nordfriesland aus. Eingeladen hatte hierzu der Gesundheitsausschuss des Kreistages.

Die Fachfrau machte deutlich, dass es bei diesen Ansprüchen einer neuen Generation von Medizinern ländliche Gegenden schwerer haben, als größere Städte, dem Ärztemangel zu begegnen. Und dieser wird noch verschärft durch den Trend, dass es 30 Prozent der Medizinstudenten in Behörden, zu Pharmakonzernen und ins Ausland zieht.

Landflucht - nicht nur bei den Ärzten

Nordfriesland werde bis 2025 rund 10.000 Einwohner verlieren - "nicht nur aufgrund von weniger Geburten, sondern auch wegen Landflucht", erläuterte Schliffke weiter. Schon heute sei die Zahl der unter 20- bis 45-Jährigen rückläufig und eine Zunahme der über 65-Jährigen zu sehen. Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Demenz - diese Alterskrankheiten rücken damit in den Mittelpunkt. Schliffke: "Der Behandlungsbedarf des einzelnen Patienten wird intensiver."

Angesichts der beunruhigenden Zukunftsformel von immer mehr alten und damit häufiger kranken Menschen und immer weniger Ärzten hat die Kassenärztliche Vereinigung die Kampagne "Land Arzt leben" gestartet, zu der ein Internetportal und Werbeaktionen an Universitäten gehören. Außerdem gibt es ein Förderprogramm für künftige Allgemeinmediziner, wenn diese ihre Praxiszeit im ländlichen Raum verbringen. Die hierfür erforderlichen rund zwei Millionen Euro im Jahr teilen sich Krankenkassen und KVSH. 3500 Euro monatlich erhält der angehende Mediziner aus diesem Topf - "700 Euro packt die KSV noch obenauf", merkte Schliffke an.

Eine weitere Maßnahme, in die ihre Organisation zusammen mit den Kassen weitere rund zwei Millionen Euro investiert, betrifft Ärzte im ländlichen Raum, die überdurchschnittlich viele Patienten haben. Zurzeit entfällt nach Angaben Schliffkes deshalb landesweit in 50 Praxen, auch in Nordfriesland, die sogenannte Abstaffelung. Kein Arzt solle für "Arbeit, gegen die man sich nicht wehren kann, bestraft werden".

Kommunen suchen nach Lösungen

Eigeninitiative der Kommunen ist bei dieser Lösungssuche genauso wichtig. So sind sie bei den "Zweigstellen-Praxen" mit im Boot. In Schleswig-Holstein gibt es 179 dieser Modelle - in Nordfriesland zwei: in Neukirchen und Joldelund. Das Prinzip ist einfach: Ein niedergelassener Arzt führt gemeinsam mit einem angestellten Kollegen eine Praxis als "Filiale".

Joldelunds Bürgermeister Reiner Hansen stellte im Kreishaus das Arztrettungsmodell für seine rund 700 Einwohner vor: Zuständig sind in dem kleinen Dorf seit 2011 die Ärzte Matthias Ernst und Urs Philipzig, die in Bredstedt eine Gemeinschaftspraxis betreiben. Ihre Zweigstelle ist an vier Tagen vormittags geöffnet - an zwei Tagen finden Sprechstunden statt. 153.000 Euro hat die Gemeinde in den 100 Quadratmeter großen Praxisneubau investiert - 66000 Euro kamen von der Aktiv-Region Nordfriesland-Nord. Reiner Hansen: "Wichtig ist, dass es für die Praxis ein eigenes Budget gibt, das an den Ort gebunden ist."

Personalmangel auch in der Pflege

Dr. Antje Petersen, Leiterin des Fachdienstes Gesundheit stellte in ihrem Beitrag einen weiteren Mangel heraus: So ist es genauso schwierig, Pflegepersonal zu bekommen. Was nach ihren Worten mit auf Überlastung am Arbeitsplatz und den Schichtdienst zurückzuführen ist. "Viele Krankenschwestern ziehen sich nach der Ausbildung ins Private zurück", weiß Antje Petersen - "und viele werden nicht übernommen." Auch Altenpflegekräfte werden von schlechten Arbeitsbedingungen abgeschreckt.

Die Ärztin stellte zehn Ideen vor, die im Rahmen eines vom Land finanzierten Projektes, das von 2008 bis Januar 2010 lief, verfolgt worden sind - mit mehr und mit weniger Erfolg. Beteiligt waren Akteure des Gesundheitswesens und Kreispolitiker. Danach ist beispielsweise der Punkt, Transparenz bei Angeboten für Demenzkranke zu schaffen, durch Veröffentlichungen, die aktualisiert werden, und über den Pflegestützpunkt in Husum gewährleistet.

Die Weiterbildung im Bereich Geriatrie und Gerontopsychiatrie läuft über das regionale Bildungszentrum für Berufe im Gesundheitswesen. Nur "zum Teil" funktioniert "Alles aus einer Hand". Junge Ärzte sollen ihre stationäre Ausbildung im Klinikum NF absolvieren und dann in eine Hausarztpraxis in der Region wechseln. Das Problem: Im Klinikum müssten ständig Plätze frei gehalten werden. Für die Telemedizin für psychisch Kranke fehlen Ärzte. Die Fachkliniken haben jedoch Kontakt zur Fachhochschule Flensburg aufgenommen, bei der telemedizinische Projekte Thema sind.

Weniger Fachkräfte

"ArztHELferinnen in der ambulanten VERsorgung" ist das Projekt HELVER unter Regie der Ärztekammer Schleswig-Holstein, das eine große Nachfrage ausgelöst hat. Die extra ausgebildeten Helferinnen sollen Hausbesuche übernehmen. Zwei Kurse hat es bisher landesweit gegeben. Doch eine Entscheidung, wie es weitergehen solle, stehe noch aus. "Nichts geschehen" ist bei der Entlastung der Ärzte von administrativen Aufgaben und in Sachen "Finanzielle Anreizsysteme für Ärzte" - Letzteres müsste auch über Städte- und Gemeindetage diskutiert werden.

Für Silke Seemann aus dem Gesundheitsministerium in Kiel steht fest, dass es - egal, welches Programm aufgelegt wird - weniger Fachkräfte geben wird. Sie sprach davon, nach dem Belegbetten-Prinzip niedergelassene Ärzte in die stationäre Versorgung einzubinden. Ziel ist für sie eine flächendeckende Grundversorgung, aber eine kreisübergreifende Spezialisierung - "man muss nicht überall alles machen".

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