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Ernährung & Gesundheit

17. Dezember 2017 | 15:05 Uhr

Die erste Prüfung des Lebens

vom

Haut, Atmung, Herzfrequenz und Muskelspannung: Etwa 95 Prozent der Neugeborenen kommen vollkommen fit zur Welt

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Schleswig | Enny-Elis ist ungnädig. Sie knarzt. Ihre winzigen Händchen greifen zaghaft ins Leere, die dunkelblauen Augen blicken noch ziellos in die Welt. Kein Wunder - hat die kleine Schleswigerin sie doch eben erst betreten. Es ist kurz nach acht Uhr an diesem grauen Montagmorgen, wenige Minuten zuvor haben die Geburtshelfer des Helios Klinikums die Kleine per Kaiserschnitt geholt. Eine zarte Schicht Käseschmiere bedeckt Enny-Elis Kopf und Stirn, klebt an Oberschenkeln und Knien. Ihrer Schönheit tut das keinen Abbruch. Das findet auch Heidemarie Schulz. "Hübsch kräftig siehst Du aus", sagt die Hebamme. Doch das Kompliment verfängt nicht: Als sie das Neugeborene aus dem kuscheligen weißen Frotteelaken pellt und auf der Babyaage platziert, geht das fragende Geknarze in empörtes Wimmern über. "3150 Gramm" registriert die Digitalanzeige - nur zehn Gramm weniger, als das "statistische Normalbaby" auf die Waage bringt. Und auch Körperlänge und Kopfumfang, die Heidemarie Schulz mit Maßband und flinken Handgriffen feststellt, liegen mit 51 und 36 Zentimetern "voll im Schnitt", wie Christian Brandis, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, bestätigt.

Während Mutter Stefanie Latsch sich im Kreißsaal nebenan von der Operation erholt, nimmt Brandis Enny-Elis bei der U1 - der ersten Untersuchung direkt nach der Geburt - genau unter die Lupe. Zuvor wurde verschlucktes Fruchtwasser abgesaugt, und geprüft, ob Nase und Speiseröhre durchgängig sind. Und aus dem Blut der abgetrennten Nabelschnur der pH-Wert gemessen. "Ein niedriger Wert gibt einen Hinweis darauf, dass das Kind unter der Geburt nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde und eventuell stationär beobachtet werden muss", sagt Brandis.

"Ist alles dran - nicht zu wenig, nicht zuviel?" Dieser Frage gelte einer der ersten Blicke, erklärt der Pädiater. Und der Hautfarbe, die nach wenigen Minuten von einer bläulichen in eine "rosige" Tönung übergegangen sein sollte. "Wir überprüfen, ob bei dem Kind Anpassungsstörungen an die neue Umwelt vorliegen, die schnell behandelt werden müssen." Ein Sauerstoffmangel etwa - zu erkennen an einer bläulichen Hautfarbe. Doch Enny-Elis hat sich, wie gewünscht, sofort nach ihrer Geburt lautstark zu Wort gemeldet. "Beim Schreien entfaltet sich die Lunge, die Sauerstoffversorgung kommt in Gang", erklärt Brandis.

Er stellt fest, dass die Kleine gleichmäßig atmet; kontrolliert Herz, Lunge und Darmgeräusche. Enny ist nicht begeistert, Bekanntschaft mit dem Stethoskop zu machen - und lässt ihre Unterlippe nach vorn wandern. Doch nachdem Brandis ihren Puls an Leisten und Achseln sowie Po und Genitalien überprüft hat, darf sie an seinem kleinen Finger nuckeln: Die Kleine ist beruhigt, und der Kinderarzt weiß, dass ihr Saugreflex funktioniert.

Haut, Atmung, Herzfrequenz und Muskelspannung: Parameter, mit deren Hilfe nach dem Schema des "Apgar"-Tests (benannt nach einer amerikanischen Narkoseärztin) der Gesundheitszustand von Neugeborenen bewertet wird - jeweils eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt. Für Enny-Elis gab es neun, dann jeweils die maximalen zehn Punkte - wie bei der Mehrheit der Kinder.

"Etwa 95 Prozent der Neugeborenen sind fit", sagt Frank Liedke, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am Helios Klinikum. Viele Erkrankungen oder Fehlbildungen würden heute durch den verfeinerten Ultraschall bereits vor der Geburt festgestellt - und ermöglichten den Medizinern, rechtzeitig zu behandeln. Komplett andere Voraussetzungen als noch in den sechziger Jahren. "Damals wurden während der Schwangerschaft mitunter sogar Zwillinge nicht erkannt."

Doch die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik hätten auch ihre Schattenseiten, sagt Liedke, auf dessen Station jährlich rund 500 Kinder zur Welt kommen. "Erfährt eine Mutter, für die eine Abtreibung nicht in Frage kommt, von einer schweren Behinderung ihres Kindes, ist die Schwangerschaft oft von Unsicherheit geprägt."

Beobachten, abhorchen und -tasten, wiegen und messen: Enny-Elis hat den ersten Check-Up ihres Lebens hinter sich. Nachdem Heidemarie Schulz ihr eine Mini-Windel angezogen hat, träufelt sie ihr Vitamin-K-Tropfen auf die Zunge. Sie sollen helfen, inneren Blutungen vorzubeugen.

Zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag steht dann die U2 an, die Neugeborenen-Basisuntersuchung. Mehr als die Hälfte der Babys absolviert sie heute - wegen des kürzeren Aufenthalts von Mutter und Kind in der Klinik - beim niedergelassenen Kinderarzt. Neben der Hörfähigkeit werden Reflexe, Bewegungen und Organfunktionen ausführlicher untersucht als bei der U1. Ein Bluttest gibt Aufschluss über mögliche Stoffwechselstörungen. Diese seien "sehr selten und allesamt behandelbar", betont Brandis. Unentdeckt könnten sie jedoch gefährliche Folgen haben. Auch Hirn, Niere und Hüftgelenke werden kontrolliert: Beim Ultraschall, der in der Klinik am dritten Lebenstag durchgeführt wird.

Enny-Elis muss sich darüber noch keine Gedanken machen. Warm eingepackt in ihr Laken demonstriert sie wieder eindrucksvoll, wie kräftig ein so kleiner Mensch schon saugen kann: diesmal an Mama Stefanies Brust.

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