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Ernährung & Gesundheit

12. Dezember 2017 | 08:06 Uhr

Die erste Prüfung des Lebens

vom

Haut, Atmung, Herzfrequenz und Muskelspannung: Etwa 95 Prozent der Neugeborenen kommen vollkommen fit zur Welt

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Schleswig | Enny-Elis ist ungnädig. Sie knarzt. Ihre winzigen Händchen greifen zaghaft ins Leere, die dunkelblauen Augen blicken noch ziellos in die Welt. Kein Wunder - hat die kleine Schleswigerin sie doch eben erst betreten. Es ist kurz nach acht Uhr an diesem grauen Montagmorgen, wenige Minuten zuvor haben die Geburtshelfer des Helios Klinikums die Kleine per Kaiserschnitt geholt. Eine blaue Nabelklemme baumelt vorm Bäuchlein, ein weißes Plastikbändchen am Handgelenk trägt ihren Namen. Eine zarte Schicht Käseschmiere bedeckt Enny-Elis Kopf und Stirn, klebt an Oberschenkeln und Knien. Ihrer Schönheit tut das keinen Abbruch.

Das findet auch Heidemarie Schulz. "Hübsch kräftig siehst Du aus", sagt die Hebamme. Doch das Kompliment verfängt nicht: Als sie das Neugeborene aus dem kuscheligen weißen Frotteelaken pellt und auf der Babywaage platziert, geht das fragende Geknarze in empörtes Wimmern über. "3150 Gramm" registriert die Digitalanzeige - nur zehn Gramm weniger, als das "statistische Normalbaby" heute auf die Waage bringt. Und auch Körperlänge und Kopfumfang, die Heidemarie Schulz mit Maßband und flinken Handgriffen feststellt, liegen mit 51 und 36 Zentimetern "voll im Schnitt", wie Christian Brandis, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, bestätigt.

Während Mutter Stefanie Latsch sich im Kreißsaal nebenan von der Operation erholt, nimmt Brandis Enny-Elis bei der U1 - der ersten Untersuchung direkt nach der Geburt - unter der Wärmelampe genau unter die Lupe. Zuvor wurde verschlucktes Fruchtwasser abgesaugt, und gleichzeitig geprüft, ob Nase und Speiseröhre frei durchgängig sind. Und aus dem Blut der abgetrennten Nabelschnur der pH-Wert gemessen. "Ein niedriger Wert gibt einen Hinweis darauf, dass das Kind unter der Geburt nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde und eventuell stationär beobachtet werden muss", sagt Christian Brandis.

"Ist alles dran - nicht zu wenig, nicht zuviel?" Dieser Frage gelte einer der ersten Blicke, erklärt der Pädiater. Und der Hautfarbe, die nach wenigen Minuten von einer bläulichen in eine "schön rosige" Tönung übergegangen sein sollte. "Wir überprüfen, ob bei dem Kind Anpassungsstörungen an die neue Umwelt vorliegen, die schnell behandelt werden müssen." Ein Sauerstoffmangel etwa - zu erkennen an einer bläulichen Hautfarbe. Doch Enny-Elis hat sich, wie gewünscht, sofort nach ihrer Geburt lautstark zu Wort gemeldet. "Beim Schreien entfaltet sich die Lunge, die Sauerstoffversorgung kommt in Gang", erklärt Brandis.

Er stellt fest, dass die Kleine gleichmäßig und ohne Anstrengung atmet; kontrolliert anschließend Herz, Lunge und Darmgeräusche. Enny ist nicht begeistert, Bekanntschaft mit dem Stethoskop zu machen - und lässt ihre Unterlippe nach vorn wandern. Doch nachdem Brandis ihren Puls an Leisten und Achseln sowie Po und Genitalien überprüft hat, darf sie an seinem kleinen Finger nuckeln: Die Kleine ist beruhigt, und der Kinderarzt weiß, dass ihr Saugreflex funktioniert.

Haut, Atmung, Herzfrequenz und Muskelspannung: Parameter, mit deren Hilfe nach dem Schema des "Apgar"-Tests (benannt nach einer amerikanischen Narkoseärztin) der Gesundheitszustand von Neugeborenen bewertet wird - jeweils eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt. Für Enny-Elis gab es neun, dann jeweils die maximalen zehn Punkte - wie bei der überwiegenden Mehrheit der Kinder.

"Etwa 95 Prozent der Neugeborenen sind fit", sagt Frank Liedke, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am Helios Klinikum. Viele Erkrankungen oder Fehlbildungen würden heute durch den verfeinerten Ultraschall bereits vor der Geburt festgestellt - und ermöglichten den Medizinern, rechtzeitig zu behandeln. Komplett andere Voraussetzungen als noch in den sechziger Jahren. "Damals wurden während der Schwangerschaft mitunter sogar Zwillinge nicht erkannt."

Doch die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik hätten auch ihre Schattenseiten, sagt Liedke, auf dessen Station mit drei Kreißsälen jährlich rund 500 Kinder zur Welt kommen. "Erfährt eine Mutter, für die eine Abtreibung nicht in Frage kommt, von einer schweren Behinderung ihres Kindes, ist die gesamte Schwangerschaft oft von Unsicherheit geprägt."

Beobachten, abhorchen und -tasten, wiegen und messen: Enny-Elis hat den ersten Check-Up ihres Lebens fast hinter sich. Nachdem Heidemarie Schulz ihr eine Mini-Windel angezogen hat, träufelt sie ihr Vitamin-K-Tropfen auf die Zunge, die Blutgerinnungsstörungen vorbeugen helfen. Besonders bei Frühgeborenen sei das Risiko einer Hirnblutung groß, sagt Kinderarzt Brandis.

Zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag steht dann die U2 an, die Neugeborenen-Basisuntersuchung. Mehr als die Hälfte der Babys absolviert sie heute - wegen des kürzeren Aufenthalts von Mutter und Kind in der Klinik - bereits beim niedergelassenen Kinderarzt. Neben der Hörfähigkeit werden Reflexe, Bewegungen und die Funktionen der Organe ausführlicher untersucht als bei der U1. Ein Bluttest gibt Aufschluss über mögliche Stoffwechselstörungen. Diese seien "sehr selten und allesamt behandelbar", betont Brandis. Unentdeckt könnten sie jedoch gefährliche Folgen für das Kind haben. Auch Hirn, Niere und Hüftgelenke werden genau kontrolliert: Beim Ultraschall, der in der Klinik am dritten Lebenstag durchgeführt wird. Alle Untersuchungsergebnisse werden im gelben Vorsorgeuntersuchungsheft dokumentiert.

Enny-Elis muss sich darüber zum Glück noch keine Gedanken machen. Warm eingepackt in ihr weißes Laken demonstriert sie eindrucksvoll, wie kräftig ein so kleiner Mensch schon saugen kann: an Mama Stefanies Brust.

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