Ein Gefühl des Gehirns : Die Biochemie der Liebe

Liebende überschreiten Grenzen, sagt Prof. Josef Aldenhoff. Foto: Ruff
Liebende überschreiten Grenzen, sagt Prof. Josef Aldenhoff. Foto: Ruff

Verlieben - sprichwörtlich ist das eine Herzensangelegenheit. Aber stimmt das wirklich? Professor Josef Aldenhoff vom UKSH in Kiel sagt nein.

shz.de von
06. April 2011, 05:06 Uhr

Das Herz macht Sprünge, schlägt Purzelbäume, verzehrt sich vor Verlangen. Verlieben - sprichwörtlich ist das ganz klar eine Herzensangelegenheit. Doch wird der Sprung in den wohl schönsten Zustand unseres Lebens tatsächlich vom Herzen gesteuert?
Die Antwort auf die Frage aller Fragen liefert einer, der es wissen muss - Professor Josef Aldenhoff, Chef des Zentrums für integrative Psychiatrie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel. Und der sagt: Verlieben spielt sich nicht im Herzen ab, sondern im Gehirn. "Es ist eine Hemmung von Hirnzentren. Dadurch büßen wir unsere normale Urteilskraft ein, besonders gegenüber dem geliebten Menschen", sagt Aldenhoff. Doch weder das, noch ein Verhalten, das Nichtverliebte nur mit dem Kopf schütteln lässt, macht den auf rosaroten Wolken Schwebenden etwas aus.
Neurohormone steuern das, was Liebe ausmacht

"Verliebte fühlen sich großartig, stark, sie nehmen weder Hunger, Müdigkeit noch eine Erkältung wahr, und sie sind mutig", sagt der Experte. Inniges Knutschen oder romantische Liebesbeweise in der Öffentlichkeit - vom Liebesvirus Infizierte überschreiten gesellschaftliche Grenzen. "Das kann einen Menschen in seiner persönlichen Entwicklung durchaus ein großes Stück voran bringen", sagt der Mediziner.
Die Neurohormone Oxytozin und Vasopressin steuern das, was Liebe biochemisch ausmacht. Gebildet werden beide in einer sehr alten Hirnstruktur, im Hypothalamus. Letztendlich entscheidend ist aber, wie und wo das Gehirn aktiviert wird, denn Liebe ist Hirnaktivität. Forschungen haben bewiesen, dass beim Anblick eines geliebten Menschen genau die Hirn-Areale aktiviert werden, die reich an Oxytozin und Vasopressin-Rezeptoren sind. Die am stärksten aktivierten Hirnzellen schlossen zudem die Belohnungszentren mit ein. Dabei kommt auch noch das Hormon Dopamin ins Spiel, denn diese Belohnungszentren, die für alle Formen des Glücklichseins unverzichtbar sind, sind reich an Dopamin-Rezeptoren.
Blindheit stärkt die Bindung
Oxytozin ist auch dafür verantwortlich, Ängste zu mindern und Vertrauen zu stärken, selbst wenn der geliebte Partner uns verletzt, betrügt, belügt und weitere Vertrauensbrüche begeht. Und das macht Sinn, denn diese Art von Blindheit stärkt die Bindung. Und diese Bindung, das starke Bestreben, dem anderen so oft wie möglich nah zu sein, ist die Hauptfunktion von Liebe. Eine hohe Ausschüttung des Bindungshormons Oxytozin kann auch aus jeder hauptsächlich auf Sex angelegten Affäre eine echte, romantische Liebe machen.
Liebe entsteht also durch zwei Hirneffekte: Zum einen die Aktivierung von Hirnarealen, von Belohnungszentren, die das Zusammensein mit dem Geliebten so erstrebenswert macht. Zum anderen werden negative Gefühle unterdrückt, der kritische Urteilssinn gegenüber dem geliebten Menschen vermindert.
Dass der andere fehlt, wenn er nicht da ist, ist ein wichtiger Bindungsfaktor
Schon Platon nannte das Verliebtsein eine Geisteskrankheit. Wie lange hält sie an? "Das ist individuell - von wenigen Tagen bis zu einem Leben lang", sagt Aldenhoff. Ein Leben lang in den Partner verliebt sein - wer wünscht sich das nicht? Wie geht das? "Im Grunde simpel, es kommt auf das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz an." Verbringt ein Paar zu viel Zeit miteinander, ist oder wird sich in der Lebensgestaltung, bei seinen Hobbys zu ähnlich, dann können sich die Partner im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr riechen.
Und: Liebe heißt nicht gleich Sex. Wichtiger für eine lange glückliche Beziehung sind Gefühle wie Geborgenheit, Zärtlichkeit, Vertrauen und Sehnsucht. "Dass der andere fehlt, wenn er nicht da ist, ist ein wichtiger Bindungsfaktor", betont der Liebes-Professor. In diesem Sinne Glückliche werden seltener krank, bleiben länger fit und sehen jünger aus. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Auch wenn die Verliebtheitsforschung an sich eine junge Disziplin ist. Die Wissenschaft hat um das so flüchtige, esoterische Thema Liebe lange einen großen Bogen gemacht.
Liebesverlust ist ein Drama
Alles Schöne hat eine Kehrseite. Was passiert, wenn ein noch Liebender vom Partner verlassen wird? "Ein Drama - das ist ganz schlimm", sagt Aldenhoff. Stirbt ein langjähriger Partner, stirbt oft kurze Zeit später auch der Zurückgebliebene. "Auch wenn es medizinisch dafür keine Gründe gibt", sagt der Mediziner.
Kann nur einer den anderen nicht mehr riechen und geht, sind die Folgen oft ebenfalls fatal. Depressionen, die jede Lebensqualität rauben, oder schwere physische Leiden können die gefährlichen Folgen sein. "Vorwürfe machen wir dann anderen, besonders dem, der uns verlassen hat. Doch verantwortlich sind wir selbst, weil wir einen Menschen so dicht an uns heran gelassen haben, dass er uns schwer verletzen kann", sagt der Psychologe. Auch heilen kann sich der verletzte Mensch nur selbst. Viele schaffen das leichter und schneller mit professioneller Hilfe, wie die von Prof. Aldenhoff.
Und er rät den Romantikern, sich bewusst zu machen: Auch wenn die Liebe ein mittlerweile sehr gut erforschtes, relativ simples biochemisches Konstrukt ist, wird sich nichts daran ändern, dass die Erfahrung von Liebe ein subjektiver, ganz besonderer Genuss ist und bleibt, eben das schönste Gefühl der Welt.

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