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Gastgewerbe : Deutscher Restaurantchef lockt Gäste mit Gesang

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«Ich hab mir erstmal eine schöne Brücke gesucht, da hab ich Quartier genommen.» Werner Küchlers Start in Paris war etwas holprig. Bei der Ankunft am Bahnhof gleich den Koffer geklaut, sowieso kein Geld - schon im Paris der 1960er Jahre ein Problem.

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2013 | 09:31 Uhr

Sein Lieblingshotel hat den jungen Kellner aus Deutschland auch nicht gleich genommen: «Wahrscheinlich hat es an der Dusche gefehlt.»

Vier Jahrzehnte später agiert Küchler als feiner Herr und unbestrittener Herrscher im «Relais Plaza», dem kleineren der beiden berühmten Restaurants im «Plaza Athénée» - eben jenem Lieblingshotel. Die aktuelle Umbaupause bis zum Frühjahr kann den agilen Manager nicht aufhalten. Er geht auf Gesangstournee.

Gesangstournee? Mit «Swingin' Relais»-Abenden hat Küchler für seine Gäste in den vergangenen Jahren ein besonderes Highlight geschaffen. Einmal im Monat lockt der Chef dann nicht nur mit exquisiter Küche, sondern steht mit Mikrofon und musikalischer Begleitung erst singend, dann bejubelt im Mittelpunkt. Gäste nennen das Restaurant mit noblem Art-Deco-Interieur an solchen Abenden auch schon mal «gemütlich».

Das Erfolgskonzept wurde aus der Not geboren. «Ich mag nicht gern auf Gäste warten», erzählt der umtriebige Manager. Mittwochs war das Restaurant häufig schlecht besucht. Als Gegner machte Küchler Fußball-Übertragungen aus. «Die Männer kann ich nicht holen, ich muss mich an die Frauen halten», war er sich sicher. Tatsächlich versprach ihm «ein Tisch mit sechs hübschen Damen»: «Werner, wir kommen, aber nur wenn Sie singen!» Im Überschwang habe er «Natürlich singe ich!» geantwortet. Heute weiß Küchler: «Und dann kam der Stress.»

Aus zunächst «ein, zwei Liedern» entstand mit viel Arbeit ein Repertoire von «etwa 140 Standardsongs». Immer mit dem russischen Pianisten Sergueï Trocin, manchmal mit ausgewählten Jazz-Kombos. An den schnell ausgebuchten Abenden kam es schon zu spontanen Duetten mit Frankreichs Altstar Alain Delon, Rocksänger Bono (mit «Strangers in the Night») oder auch Pop-Ikone Rihanna.

Die Gesangskarriere möchte Küchler nun in der Umbauphase nicht ruhen lassen. «Eine tolle Herausforderung, wenn man älter wird», sagte der 63-Jährige. Die Konzertorte versprechen Abwechslung: Der historische Dampfer «Bretagne» auf der Seine, das Schloss von Versailles, weiter von Saint-Tropez über Biarritz bis nach Brunei in Asien - mit Auftritt im Palast. Im kulinarischen Gepäck: das Bresse-Huhn, Spezialität des «Relais».

Küchler singt auch Lieder von Marlene Dietrich. Die Diva war Dauergast mit festem Tisch im «Relais» und nahm sich schnell des jungen Kellners an. «Ich kam als Neuling ja praktisch in 'culotte courte', in kurzen Hosen an.» Als sie sich später ganz zurückzog, habe sich die Dietrich vom inzwischen zum Restaurantchef avancierten Küchler regelmäßig über alles telefonisch berichten lassen.

Das Restaurant war schließlich internationaler Treffpunkt. «Kantine haben es die Gäste gern genannt», erzählt Küchler. Auch Herbert von Karajan hatte dort «seinen» Tisch. Dem Stardirigenten begegnete Küchler noch als Etagenkellner im «Plaza». Als Chef des «Relais» habe er von Karajan dann stets nach dem Dinner zurück aufs Zimmer begleitet. Gespräche seien oft philosophisch gewesen. «Viele seiner Empfehlungen versuche ich noch heute umzusetzen.»

Der Blick auf alte Zeiten lässt Küchlers Stirn beim Thema aktuelle Renovierung in Sorgenfalten fallen: «Wenn hier alles umgebaut wird, fehlt ein Stück davon.» Das sieht Restaurantkritiker François Simon ähnlich. Er nennt Küchler «einen der besten Restaurantmanager von Paris». Simon bangt in seinem Blog um die Zukunft des «Relais»: «Was wird aus dem klassischen Interieur? Niemand weiß es. Beten wir dafür, dass wir bei der Rückkehr nicht erblassen!»

Video «Swingin' Relais»

Küchler singt «Sag warum»

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