Schüler als Warentester : Desinfektionsmittel im Härtetest

Vier Hygiene-Gels testeten die Schüler an sich selbst. Foto: privat
Vier Hygiene-Gels testeten die Schüler an sich selbst. Foto: privat

Tastaturen, Treppengeländer, Türgriffe: In der Schule tummeln sich überall Keime und Bakterien - Husumer Schüler wollten herausfinden, welches Mittel am Besten wirkt.

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22. April 2013, 09:32 Uhr

husum | Am Anfang stand die Diskussion über den Türgriff zum Klassenraum. "Einige fassen ihn nicht gerne an aus Angst vor Keimen und Bakterien", schildert Steffen. Aber jeder muss es zwangsläufig. Denn das Teil ist rund und deshalb nur mit einer Drehbewegung, nicht jedoch per Ellenbogen zu öffnen.

Jelena wurde es irgendwann zuviel. Sie kramte ein Desinfektionstuch aus ihrer Handtasche und rieb den Griff damit ab. Doch was bringt das wirklich? Eine Frage wie geschaffen für "Jugend testet". Für den Wettbewerb der Stiftung Warentest nahm die Klasse HBG2c der Beruflichen Schule des Kreises Nordfriesland in Husum vier verschiedene Desinfektionsmittel unter die Lupe. Damit ist sie eine von 163 Gruppen aus Schleswig-Holstein, die bei der diesjährigen Runde der Aktion zu kritischem Verbraucherverhalten mitmachen. Von Tiefkühl-Pommes bis zu Weizentoast, von Basketbällen bis zu Fleckenentfernern reicht die Palette der Themen der Tester aus dem nördlichsten Bundesland.

Beliebtheit nimmt zu: ein Werk der Lehrer

Das Projekt wird immer beliebter. Im letzten Jahr nahmen zwischen Nord- und Ostsee noch 64 Gruppen teil. 2009 waren es sogar erst 24. "Der starke Anstieg speziell aus Schleswig-Holstein liegt sicherlich unter anderem an der schulpolitischen Entwicklung", meint Wettbewerbs-Koordinatorin Bettina Dingler. Sie spielt damit an auf die Einführung des Fachs Verbraucherbildung. "Wir vermuten, dass viele Jugendliche von Lehrern motiviert wurden, mitzumachen." Der Stiftung gehe es mit dem Wettbewerb darum "junge Leute zu aufgeklärten Konsumenten zu machen". "Durch Versuche in Eigenregie können sie zum Beispiel selbst erleben, dass das Markenprodukt nicht immer das beste sein muss."

Für Gels als Test-Objekte entschieden sich die Husumer, weil diese durch Fläschchen handlicher als Tücher oder Sprays sind. In elf Kategorien beurteilten die Nordfriesen vier gängige Produkte, drei davon aus dem Drogeriemarkt, eins aus der Apotheke. Auf Nährböden in Petrischalen untersuchten sie die Keim-Belastung ihrer Hände im Vergleich: zunächst ohne Gel, dann sofort nach dem Einreiben mit Gel und schließlich 50 Minuten danach.

Überraschende Erkenntnisse

"Die beste Wirkung zeigten Param aus der Apotheke und von den Drogeriemarkt-Produkten Prevens ", bilanzieren die Schüler in ihrem Bericht für die Stiftung Warentest. Beide Erzeugnisse erhielten deshalb im Punkt Wirksamkeit eine Eins. Bei Sagrotan hätten sich mehr Bakterien als bei Prevens und Param gezeigt. Somit bekam es eine Drei. Das schlechteste Ergebnis registrierten die Schüler ihrer Einschätzung nach bei Isana med. "Dort war kein Unterschied zum Nährboden ohne Desinfektionsmittel zu sehen", heißt es in ihrem Bericht. All diese Aussagen beziehen sich auf Untersuchungen direkt nach dem Einreiben.

Am überraschendsten für die Tester: "Nach 50 Minuten war die Wirksamkeit bei allen Produkten verflogen", sagt Klassen-Projektleiter Leon Kessler. "Dabei haben wir keineswegs extra viel angefasst", betont Mitschülerin Sina. "Nur das, womit man innerhalb von 50 Minuten Schulalltag so in Berührung kommt." Der eine Proband also etwa ein Treppengeländer oder ein Heft, der andere eine Computer-Tastatur oder ein Handy oder ein Portemonnaie. Sogar höher als vor dem Test sei die Keimbelastung nach 50 Minuten gewesen. Steffen meint auch zu wissen, woran das liegt: Ein Desinfektionsmittel töte eben alle Bakterien auf der Haut ab. "So dass es keinerlei Konkurrenz zwischen den Erregern gibt." Dieser natürliche Wettstreit sorge auf unbehandelten Händen für einen gewissen Schutz vor Ansteckung.

Nicht zu viel des Guten

Dass man Desinfektionsmittel deshalb "nur in Maßen benutzen sollte", wie Leon resümiert, verbucht die Klasse deshalb auch als eine wesentliche Erkenntnis. "Durch die Gele werden auch gute Bakterien abgetötet, die unser Immunsystem schützen sollen." Manja zum Beispiel hat es am eigenen Leib erfahren: "Meine Mutter hat zu Hause dauernd desinfiziert, und trotzdem war ich dauernd krank. Seit ich ausgezogen bin, ist das anders." Auch die Haut, so stellten die Jugendlichen fest, hat nicht unbedingt gut von häufigem Desinfizieren: "Sie trocknet aus, weil der Alkohol die Fettschicht angreift", erklärt Steffen.

So verbuchen die Schüler denn als positiv, dass die Verbreitung von Desinfektionsmitteln weniger oft vorkommt als sie gedacht hatten. Eine Umfrage der Klasse auf dem Husumer Markt zeigte: Von 100 Passanten benutzen 42 ein solches Produkt eher selten, 30 regelmäßig und 28 gar nicht. Täglich verwenden nur zwölf Befragte Desinfektionszeug. "Und das, obwohl damals gerade Grippezeit war", betont Steffen.

Großer Einsatz der Schüler als "Privatsache"

Am Ende konnten die Schüler ausnahmsweise einmal selbst Noten-Geber spielen: Auf einer Skala von eins bis sechs bewerteten sie ihre Erkenntnisse in den elf Kategorien. Dazu zählen etwa neben der Wirksamkeit selbst die Zeit, die das Präparat je nach kalter oder warmer Haut zum Einziehen braucht, das Gefühl auf der Haut, Geruch und Konsistenz. Der Durchschnitt aus den Einzelwertungen brachte dann das Gesamtergebnis. Prevens erreichte mit 2,4 den besten Noten-Durchschnitt. Danach kommen Param mit 2,6, Sagrotan mit 2,8 und Isana med mit 3,0.

Zwar unterstützten die Lehrerinnen der Fächer Ernährung und Gesundheit, Inge Andresen und Annemarie Hausmann, die Schüler bei ihrer Arbeit. "Der mit Abstand größte Teil fand aber außerhalb des eigentlichen Unterrichts statt", berichtet Andresen. Könnte sie das Engagement dennoch zensieren, würde die Lehrkraft eine Eins vergeben. "Ich habe die Klasse bei einem einzigen Thema lange nicht so motiviert erlebt", freut sich Andresen. Sie erklärt es damit, "dass die Schüler sich das Thema selbst ausgesucht haben und sie dazu einen Bezug aus ihrem Alltag haben".

Ob die HBG2c im Juni beim Bundesentscheid aller 2600 teilnehmenden Klassen aus ganz Deutschland noch einen Preis abräumt, gerät da fast zur Nebensache. 2000 Euro gibt es maximal zu gewinnen.

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