Ran an den Speck! : Der Trimm-Dich-Pfad feiert "40."

Ausprobiert: Unserer Autorin Judith Eick hats gefallen.
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Ausprobiert: Unserer Autorin Judith Eick hats gefallen.

Die Idee hat überlebt: "Trimmy" zeigt uns seit vier Jahrzehnten, wo Sport am schönsten ist: draußen.

shz.de von
07. April 2010, 05:57 Uhr

Man mag sich kaum erinnern: Übergewicht, Herz- und Kreislauferkrankungen hatten bereits Ende der 60er Jahre so rapide zugenommen, dass Politiker und Krankenkassen Alarm schlugen. Der damalige Deutsche Sportbund (DSB) startete darauf eine bis heute beispiellose Aktion: Die "Trimm-Dich-Kampagne" wurde Mitte März 1970 - also fast genau vor 40 Jahren - ins Leben gerufen.
Aushängeschild und Symbolfigur war das knuffige Männchen "Trimmy" (Foto). Es erreichte damals in Deutschland einen Bekanntheitsgrad wie sonst nur Showstars und Spitzenpolitiker. Trimmys energisch hochgereckter Daumen zeigte deutlich genug, wo es lang gehen sollte: Raus aus dem Sessel und hinaus an die Luft! "Der Deutsche Sportbund präsentiert den hochgereckten Daumen allen Müden, Unentschlossenen, Gehemmten, Theoretikern, Nichtsportlern und schließlich all denen, die es sonst noch versäumt haben, Herz und Kreislauf in richtiger Weise anzuregen", schrieb der damalige Pressechef des DSB, Harald Pieper.
Trimm-Trab-Ära
Er sollte recht behalten. Nach drei Jahren Kampagne gaben rund neun Millionen Menschen an, durch die Trimm-Aktion zu sportlicher Aktivität angeregt worden zu sein. Der Breitensport bekam einen solchen Schwung, dass sich die Zahl der Mitglieder in bundesdeutschen Sportvereinen von zehn Millionen im Jahre 1970 bis Anfang der 80-er Jahre nahezu verdoppelte.
Mit dem Ziel, dem Speck der Wohlstandsgesellschaft den Kampf anzusagen, errichteten zahlreiche Kommunen die beliebten Trimm-Trab-Laufstrecken von etwa drei Kilometern Länge. Durch gymnastische Übungen an verschiedenen Stationen sollten Kraft, Kondition und Koordination geschult werden: mit Liegestützen auf einem Holzbarren, Klimmzügen, Bocksprüngen über eingegrabene Baumstümpfen und Balance-Übungen auf Baumstämmen. Der Weg von Station zu Station wurde im "Dauerlauf" zurückgelegt.
Viele Trimm-Dich-Pfade der Trimm-Dich-Ära sind in marodem Zustand
Die Trimm-Dich-Pfade kamen auch im frischluftverliebten Norden so gut an, dass viele Schleswig-Holsteiner ihre Liebe zur körperlichen Betätigung in der freien Natur neu entdeckten. Ohne Vereinszugehörigkeit war mit einfachen Mitteln für alle Altersgruppen ein Sportprogramm möglich, das sowohl Abwechslung als auch Naturerlebnis bot und gleichzeitig an bekannte Übungen aus dem Schulsport erinnerte.
Macht man sich heute auf die Suche nach den Überbleibseln der rund 1500 Trimm-Pfade, die es auf dem Höhepunkt der sagenhaften Trimm-Dich-Ära gab, so fällt leider vor allem der marode Zustand der Anlagen auf. Das Holz vermodert, Halterungen verrosten, die Tafeln mit den Anleitungen verblassen oder liegen irgendwo im Gras oder Graben. Das macht die Nutzung vielerorts unmöglich. Neuerrichtungen im Stil der altbekannten Pfade wird es allerdings künftig nicht mehr geben.
Thomas Niggemann vom Landesverband Schleswig-Holstein des DOSB, Bereich Vereins- und Verbandsentwicklung, sieht den Grund hierfür in erster Linie in den fortgeschrittenen Erkenntnissen aus der Sportmedizin. Längst hat man festgestellt, dass die Übungen veraltet, ja - nach heutigen Erkenntnissen - zum Teil sogar schädlich sind.
"Gratis-Brennholz"
Auch das sportliche Grundmuster - Jogging im klassischen Sinne, verbunden mit gymnastischen Übungen - gilt in unseren Tagen als kontraproduktiv. Ein anderes, aber ebenso zentrales Problem ist das fehlende Geld für die Instandhaltung der Pfade. Dass die meisten Geräte aus Holz hergestellt wurden, trug zwar zu ihrer Beliebtheit bei, machte sie aber gleichzeitig anfällig für Verwitterung. Auch zogen die meist an ruhigen Waldstrecken gelegenen Trimm-Pfade von jeher geradezu magnetisch Vandalen an. Zusätzlich dezimierten Liebhaber von "Gratis-Brennholz" die zum Teil lose herumliegenden Hilfsmittel: Das Armstemmen mit den schön geglätteten und gerundeten Pflöcken zum Beispiel konnte man sich schon damals meistens sparen.
Der DSOB sieht das Zukunftspotential eher im Angebot der 2800 Sportvereine allein in Schleswig-Holstein. Qualifizierte Anleitung in Kombination mit verschieden Freiluftangeboten sollen den Trimm-Dich-Gedanken am Leben halten: Nordic Walking zum Beispiel oder die gemeinsam mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband organisierten "Lauftreffs", die einmal wöchentlich stattfinden und auch für vereinslose Interessenten im ganzen Norden offen sind.

Der Dagebüller Trimm-Dich-Pfad
In Dagebüll, Amt Südtondern, Nordfriesland - dort, wo die Fähren in Richtung Föhr und Amrum ablegen - befindet sich einer der letzten redlich in Takt gehaltenen Trimm-Dich-Pfade Schleswig-Holsteins. Zwar hat ihm der Winter etwas zugesetzt, aber Hans-Jürgen Ingwersen, Bürgermeister der Gemeinde, lässt ihn nicht verkommen. Denn: Er wird auch tatsächlich genutzt. "Wir bekommen immer wieder mal Anrufe, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Meistens sind es Touristen, die ihre Zeit hier nutzen wollen und außer Spazierengehen und Schwimmen ihren Kreislauf mit den Übungen in Schwung bringen möchten". Zwar ließ sich am Deich naturgemäß kein Rundkurs einrichten, aber das macht nichts. Die Rückstrecke lässt sich wunderbar auf der Wasserseite mit Blick auf Wattenmeer und an- und abfahrende Fähren genießen.

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