Medizinische Visualisierung : Der Herzensdarsteller

Für seine Software, die Medizinern hilft, einen Ultraschall besser zu erkennen, ist der Medieninformatiker Michael Teistler mit einem renommierten Radiologenpreis  ausgezeichnet worden.  Foto:  staudt
Für seine Software, die Medizinern hilft, einen Ultraschall besser zu erkennen, ist der Medieninformatiker Michael Teistler mit einem renommierten Radiologenpreis ausgezeichnet worden. Foto: staudt

Michael Teistler von der FH Flensburg erntet für seine Erfindung Lob aus aller Welt. Sie erleichtert die Visualisierung menschlicher Organe und kann die Diagnose verbessern.

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03. April 2013, 09:17 Uhr

Flensburg | Ein kühler Wind weht an diesem Morgen über den Campus der Fachhochschule Flensburg. Ähnlich kühl wirkt es in Michael Teistlers Büro. Die Wände sind leer, ebenso wie die große Pinnwand, die an einer Seite des Raumes lehnt. Ein paar Kartons stehen herum, zum Teil unausgepackt. "Ich bin erst vor ein paar Wochen in diesen Raum gezogen und hatte noch keine Zeit, mich einzurichten", sagt Teistler, leger gekleidet in Jeans und kariertem Hemd, und lächelt verschmitzt. Der zweifache Familienvater - seine Tochter ist vier Jahre alt, der Sohn noch ein Baby - ist seit gut einem Jahr Professor für Medieninformatik.

Neben seiner umfangreichen Lehrtätigkeit versucht Teistler seine Forschung voranzutreiben. Gerade eben erst ist sein Engagement honoriert worden: Auf dem weltgrößten Radiologenkongress in Chicago, der jedes Jahr rund 60.000 Besucher anlockt, erhielt der 39-Jährige für seine jüngste Erfindung die Auszeichnung Magna cum Laude. "Das ist die Goldmedaille", sagt Teistler und grinst. Wenn er das tut, ziehen Hunderte von Lachfältchen über sein Gesicht.

Viele Möglichkeiten der Weiterentwicklung

Vor einem großen Flachbildschirm demonstriert Teistler, wie sein prämiertes Werk funktioniert. Mithilfe eines Gamecontrollers, wie man ihn von Computerspielen kennt, tastet er sich durch den Körper eines virtuellen Patienten, der auf der linken Bildschirmseite zu sehen ist. Zeitgleich entstehen rechts die grau-krümeligen Bilder eines Ultraschalls. "Ultraschallbilder sind für angehende Mediziner meist sehr schwer zu interpretieren", sagt Teistler. "Meine Software hilft ihnen zu erkennen, welche Bilder jeweils entstehen, wenn sie mit der Sonde in einem bestimmten Winkel über den Körper fahren." Tatsächlich macht einem das Programm das Lernen leicht. Denn bevor man sich an den virtuellen Körper heranwagen möchte, lässt sich das räumliche Vorstellungsvermögen auch erst mal an einfachen geometrischen Objekten trainieren.

Doch Teistlers Software vermag noch mehr. Künftig könnte sie zum Beispiel auch zu Diagnosezwecken herangezogen werden. Denn das Programm ermöglicht es, ein Organ - das mithilfe einer Computer- oder Kernspintomografie aufgenommen wurde - nicht nur in einem vorher festgelegten Winkel zu durchleuchten. Stattdessen können Mediziner durch das gewonnene Bild, etwa das eines Herzens, auf dem Monitor beliebige Schnittebenen legen und so das Organ noch genauer als bisher untersuchen.

Die höchste aller Ehren

Auf seine Auszeichnung ist Teistler stolz. "Natürlich ist es als Nicht-Mediziner und Angehöriger einer eher kleinen Hochschule besonders toll, diesen Preis zu erhalten", sagt er. Immerhin musste er sich mit seinem Exponat gegen 101 Mitbewerber durchsetzen. Zudem ist es schon einige Jahre her, dass die höchste Ehre, das Magna cum Laude, überhaupt verliehen wurde.

Noch handelt es sich bei der Software um einen Prototypen. Doch Teistler hofft, sie schon bald vermarkten zu können. Einige Radiologen aus den USA haben ihr Interesse an einer Zusammenarbeit bereits bekundet. Sie wollen die Erfindung für ihre Diagnosen nutzen.

Sprachbarrieren im Dialog mit Wissenschaftlern aus dem Ausland gibt es für Michael Teistler schon lange nicht mehr. "Die radiologischen Fachbegriffe habe ich inzwischen wohl alle drauf", sagt er und lacht. Und auch sonst fühlt er sich im Englischen sicher - spätestens seit seinem zweieinhalbjährigen Forschungsaufenthalt in Singapur. Studiert hat der in Gehrden bei Hannover geborene Forscher Informatik an der Uni Hildesheim. Ein Schwerpunkt war schon damals die Medizininformatik. 1997 folgte Teistler seinem späteren Doktorvater an die Technische Universität Braunschweig, wo er 2004 promovierte.

"Medizinische Visualisierung hier etablieren"

"Nach meiner Promotion wollte ich unbedingt ins Ausland." Frisch verheiratet ging er noch im gleichen Jahr nach Singapur. Während seine Frau in dem südostasiatischen Inselstaat einen Job bei der Deutschen Botschaft erhielt, leitete Teistler ein vierköpfiges Team an dem staatlichen Forschungsinstitut A*Star. Eine aufregende Zeit: "Singapur hat damals viel in seine Bio- und Medizintechnik investiert." Zeitgleich mit ihm forschte etwa auch der Brite Alan Colman, der gemeinsam mit Ian Wilmut das berühmte Klonschaf Dolly erschaffen hatte, an dem Institut.

Nach seiner Zeit in Singapur zog es Teistler in die Industrie. 2007 bekam er einen Job bei Siemens Healthcare in Erlangen. Vier Jahre später begann er sich um eine Professur zu bewerben. "Ich hatte die Wahl zwischen einer Stelle an der Fachhochschule Bielefeld und hier", sagt er. Seine Frau und er entschieden sich für Flensburg. "Wir mochten die Stadt, die Nähe zum Wasser." Auch der hiesige Campus und die Kollegen gefielen Teistler auf Anhieb. Die Familie kaufte ein Haus in Sünderup. "So kann ich mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß zur Arbeit kommen", sagt Teistler.

Seine Pläne für Flensburg? "Gerne würde ich die Medizinische Visualisierung hier etablieren", sagt er. Privat wünscht sich Teistler vor allem eines: mehr Zeit. Für die Familie, aber auch um wieder mehr Sport zu treiben. "Früher habe ich zum Beispiel Fußball im Verein gespielt", erzählt er. "Das ist in letzter Zeit zu kurz gekommen." Zwar versuche er, gegen sechs, halb sieben zu Hause zu sein. "Aber wenn die Kinder schlafen, setze ich mich oft noch mal an meinen Schreibtisch." Auch an diesem Tag verschickt er seine letzte Mail erst kurz vor Mitternacht.

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