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Ernährung & Gesundheit

22. August 2017 | 02:05 Uhr

Der gefährliche weiße Fleck

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mundkrebs wird häufig zu spät entdeckt / Regelmäßiger Alkohol- und Zigarettenkonsum erhöhen das Risiko zu erkranken

Starke Zahnschmerzen trieben Ute Lux-Randhahn an einem Sonntag im Herbst 2012 zum Arzt. Die Behandlung erwies sich als aufwändig und langwierig – und zog außerdem eine Diagnose nach sich, mit der sie „niemals gerechnet“ hätte: Die 58-Jährige aus Alt Bennebek im Kreis Schleswig-Flensburg war an Mundkrebs erkrankt.

Ihr Zahnarzt habe während einer Behandlung „etwas nicht ganz Normales“ an ihrem Mundboden entdeckt. Einen etwa pfenniggroßen Fleck, der sich rau anfühlte – „als hätte man ein scharfes Bonbon zu lange im Mund gehabt“, erzählt Ute Lux-Randhahn. Die Untersuchung einer Gewebeprobe brachte kurze Zeit später die Gewissheit, dass es sich um einen bösartigen Tumor handelte. „Ich war total geschockt von dieser Diagnose“, erinnert sich die 58-Jährige. Sie selbst hatte das Karzinom unter ihrer Zunge gar nicht bemerkt. „Außerdem tat es überhaupt nicht weh.“

Veränderungen in der Mundhöhle, die für die Betroffenen oft nicht sichtbar sind und keine Schmerzen verursachen: Dies seien typische Merkmale des Mundkrebs, die dazu führten, dass er häufig erst in einem gefährlich späten Stadium entdeckt wird, sagt Prof. Dr. Dr. Jörg Wiltfang, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel. Die Folge: „Rund die Hälfte der Betroffenen überlebt nicht länger als fünf Jahre.“

Wichtig sei es darum, die Krankheit, die alle Bereiche des Mundes betreffen kann, möglichst frühzeitig zu erkennen. „Mundkrebs kann wie ein weißer Fleck aussehen, aber es kann auch jede andere Veränderung, Verhärtung oder Verdickung sein. Am häufigsten tritt er an der Zunge oder am Mundboden, dem Bereich unter der Zunge, auf.“ Etwa 220 Fälle gebe es in Schleswig-Holstein jedes Jahr.

Die bange Frage, ob der Krebs sich bei Ute Lux-Randhahn bereits auf andere Bereiche des Körpers ausgebreitet hatte, können die Mediziner an der Kieler Uniklinik nach diversen Untersuchungen glücklicherweise verneinen. Der Tumor jedoch muss so schnell wie möglich entfernt werden. Am 18. Dezember 2012 ist es soweit: Sechs Stunden dauert die Operation, bei der außerdem ein Teil der Lymphknoten im Hals entfernt und noch während der OP daraufhin untersucht wird, ob auch sie von Krebs befallen sind – glücklicherweise ebenfalls mit negativem Ergebnis. Auf eine Bestrahlung oder Chemotherapie kann bei Ute Lux-Randhahn darum verzichtet werden. Auch mehrere Zähne und ein Teil des Unterkieferknochens werden entfernt, Letzterer mit Knochenersatzmaterial rekonstruiert. Das Loch im Zungenboden schließt Operateur Wiltfang zunächst, indem er es mit der Zunge vernäht.

„Noch relativ klein“ sei der Tumor von Ute Lux-Randhahn gewesen, sagt Privatdozentin Dr. Katrin Hertrampf, Zahnärztin am UKSH und Mitinitiatorin der Aufklärungskampagne „Gemeinsam gegen Mundkrebs“. „Die meisten Patienten kommen jedoch erst in einem späteren Stadium der Krankheit zu uns, wodurch sich die Heilungschancen verschlechtern.“ Sie rät dringend, die jährlichen oder halbjährlichen Vorsorgeuntersuchungen beim Zahnarzt wahrzunehmen, bei denen auch die Mundschleimhaut kontrolliert wird. „Außerdem sollte man jede Veränderung, die einem selber auffällt, die nicht wehtut und nach zwei Wochen nicht abgeheilt ist, untersuchen lassen“, ergänzt Jörg Wiltfang. Die Hauptrisikofaktoren für die Entstehung von Mundkrebs sind starkes Rauchen und regelmäßiger Alkoholkonsum – die Kombination von beidem erhöht das Risiko erheblich. Bei Männern ist Mundkrebs inzwischen die sechsthäufigste Krebserkrankung.

Ute Lux-Randhahn ernährt sich in den ersten Monaten nach der OP vor allem von Babybrei und Kartoffelpüree – feste Nahrung kann sie mit ihrem Überbrückungsgebiss nicht kauen. Das Sprechen klappte jedoch besser als erwartet. „Mein Mann konnte mich verstehen“, schmunzelt sie. Im Herbst 2013 steht eine zweite OP an, bei der Zunge und Mundboden wieder gelöst, das Loch mit einem Stück Haut aus dem Oberkiefer verschlossen wird. Ute Lux-Randhahn hat nach der Operation starke Schmerzen – und wieder steht Babybrei auf dem Speiseplan. Nachdem der langwierige Wiederaufbau ihrer Zähne durch Implantate endlich abgeschlossen war, durfte es im Januar dann zum ersten Mal wieder ein Steak sein.

Ute Lux Randhahn hat es genossen – so wie sie ihr Leben insgesamt seit der Krebs-Diagnose „intensiver“ wahrnehme. Und sensibler sei für die Bedürfnisse und Veränderungen ihres Körpers. „Leberflecken gucke ich mir heute ganz genau an.“ Mit dem Rauchen hat sie nach vielen Jahren inzwischen aufgehört. „Ich bin unendlich dankbar, dass mein Zahnarzt den Fleck so früh entdeckt hat.“

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