Ärztemangel in Rendsburg : Der Alarmruf eines Hausarztes

Schlechte Perspektiven trotz schöner Aussicht: Hausarzt Dr. Wolfgang Reinke sorgt sich um die Zukunft seines Berufs. Foto: Höfer
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Schlechte Perspektiven trotz schöner Aussicht: Hausarzt Dr. Wolfgang Reinke sorgt sich um die Zukunft seines Berufs. Foto: Höfer

Ein Arzt für 5000 Patienten: Der Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Reinke warnt vor Ärztemangel in der Stadt und fordert, die Lokalpolitik müsse "endlich Einfluss nehmen."

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18. Juni 2013, 11:24 Uhr

Rendsburg | Das Gerippe vor dem Fenster mit der Aussicht auf die ehemalige Schmid-Kaserne wirkt erst komisch, dann stimmt es nachdenklich. Wohl auch deshalb hat Dr. Wolfgang Reinke das Modell so auffällig in einem seiner Behandlungszimmer platziert. Seht her - so schlecht steht’s um uns!
Das Skelett ist Sinnbild für das Sterben eines einst angesehenen Berufes. Reinke ist Hausarzt, einer der ehrfahrensten im Raum Rendsburg. Bereits seit 1977 praktiziert der 64-Jährige ganz oben im Ostlandhaus. Ab Ende Juni, wenn ein in der Flensburger Straße ansässiger Allgemeinmediziner seine Praxis für immer schließt, wird Reinke der letzte niedergelassene Hausarzt in Mastbrook und Umgebung sein. Dann ist er die einzige Anlaufstelle für geschätzte 5000 Menschen im Nahbereich.
Diese Situation veranlasst den 64-Jährigen zu einem Alarmruf an alle Verantwortlichen und Bürger. Ärztemangel gebe es nicht mehr nur auf dem platten Land, warnt Reinke, sondern auch mitten in Rendsburg. "Wenn ich hier aufhöre, können Sie Mastbrook abschreiben. Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern, wird sich kein Hausarzt in einem Stadtteil mit diesem sozialen Umfeld mehr niederlassen", sagt er. "Wir müssen uns für ein Schrumpfen der Versorgung wappnen."

Ablehnung von Patienten durch Überauslastung

Dabei werden Ärzte wie er weiter dringend benötigt. Die Praxis des 64-Jährigen ist ausgelastet. "Sie läuft, aber sie läuft nur, weil ich mich in dem System perfekt auskenne. Kein Neuer würde in diesem System auskömmlich arbeiten können." Immer mehr Bürokratie und Reglementierung bei einer hohen Arbeitsbelastung und geringen Bezahlung pro Behandeltem mache ihm das Leben schwer. Er müsse Patienten ablehnen, weil er es nicht verantworten könne, weitere Patienten zu versorgen, sagt der Mediziner. "Das finde ich schrecklich. Wir führen aus Überzeugung eine Praxis, die versucht, den Menschen als Individuum zu sehen und nicht als eine Nummer."
Dass das im Ostlandhaus noch möglich ist, scheint ein Widerspruch in sich. Der Klotz an der Schleswiger Chaussee steht da wie ein abgestorbener Zahn. Auch er ist ein Symbol des Niedergangs. Besitzerwechsel, Insolvenz, Verwalterwechsel, Leerstand ohne Renovierung setzen dem grauen Riesen zu. Früher nahm Reinke auf dem Weg zur Arbeit oft die Treppe, um sich fit zu halten. 45 Sekunden beträgt sein Rekord für die elf Stockwerke. Heute nutzt er lieber einen der beängstigend kleinen Fahrstühle. Das Treppenhaus ist ihm zu dreckig.

Kein Gedanken an Aufgabe

Was also hält ihn hier noch? Neben beruflichem Ehrgeiz ist es auch Trotz. "Ich habe in diesem Beruf nicht angefangen, um Goldene Löffel zu verdienen. Ich bin damals mit viel Idealismus angetreten", sagt Reinke. Seine Praxis muss er durch Kameras und Alarmanlagen speziell sichern. Es gab Einbruchsversuche. Im Empfangsbereich weist ein Schild Diebe darauf hin, dass hier keine Drogen gelagert werden. Auch das wirkt erst grotesk und dann beklemmend.
Ans Aufhören denkt Reinke dennoch nicht. Aus dem Leistungssport hat er das Kämpfen verinnerlicht. Aber ewig will er diesem System nicht mehr dienen. "Ich möchte lange arbeiten, aber ich möchte lange arbeiten unter Bedingungen, die erfreulich sind", sagt er sibyllinisch. Zumal sich das Problem seiner Ansicht nach in den nächsten Jahren weiter verschärfen wird. "Ein Drittel der Allgemeinmediziner ist über 60 Jahre alt." Und Nachwuchs gibt es kaum. Der Kollege aus der Flensburger Straße habe dreieinhalb Jahre einen Nachfolger gesucht, erklärt Reinke. Vergeblich.

Appell an Politik und die Krankenkassen

Schuld an der Misere gibt er auch den Krankenkassen: "Es gibt keine regionale Entscheidungsgröße mehr. Wenn ich einen Mitarbeiter der AOK in Rendsburg kontaktiere, schickt der mich nach Flensburg. Die wiederum verweisen an die Zentrale in Dortmund, wo man wiederum von den Verhältnissen in Rendsburg so gut wie nichts weiß."
Umso mehr kommt es seiner Meinung nach auf die Entscheider vor Ort an. "Wenn die Lokalpolitik auf die Landespolitik endlich Einfluss nimmt, kann am ehesten etwas erreicht werden. Aber meiner Meinung nach unternimmt man speziell in Rendsburg zu wenig. Die Regionen müssten um Hausärzte buhlen."

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