Psychische Gesundheit : Das Problem der Fehlversorgung

Auf einen Termin beim Psychotherapeuten muss vor allem die ländliche Bevölkerung lange warten. Foto: dpa
Auf einen Termin beim Psychotherapeuten muss vor allem die ländliche Bevölkerung lange warten. Foto: dpa

Traurige Erkenntnis: Psychisch Erkrankte, die auf dem Land oder in ärmeren Stadtteilen wohnen, warten sehr lang auf fachärztliche Betreuung - oftmals mehrere Monate.

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20. November 2012, 09:32 Uhr

Kiel | Es ist ein deutliches Gefälle zwischen Stadt und Land. Während in den Städten die Versorgung psychisch kranker Menschen größtenteils gesichert ist, muss die Bevölkerung auf dem Land entweder überdimensionale Wartezeiten oder aber weite Wege zu Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychiatern auf sich nehmen. Aber auch in den Städten gibt es grundlegende Unterschiede. Je ärmer ein Stadtteil, desto weniger Psychotherapeuten sind zu finden. Ein Missstand, der umso schlimmer ist, als in den finanzschwachen Distrikten die Anzahl an Patienten deutlich höher liegt. "Die jetzige Bedarfsplanung verdient ihren Namen nicht, denn der eigentliche Bedarf der Patienten wurde nie erhoben", sagt Dr. Bernhard van Treeck vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Nord.
Daher erarbeitet aktuell ein gemeinsamer Bundesausschuss eine Richtlinie zum künftigen Neuzuschnitt der Bedarfsplanungsräume. Erstmals sind die Länder mitberatend vertreten. Die Zahl der Ambulanzen soll erhöht, stationäre Aufenthalte so weit wie möglich reduziert werden. Eine Richtung, die van Treeck befürwortet. Er kritisiert ein "zu starres Konzept" der Psychotherapie-Richtlinien, das für die Psychotherapeuten falsche ökonomische Rahmenbedingungen setze. Er moniert zu lange Behandlungszeiten, da die wesentlichen Erfolge meist innerhalb der ersten Therapiesitzungen auftreten, zu lange Behandlungssitzungen, die die Konzentration schwerer psychisch kranker Patienten überfordern würden und zu wenige Gruppensitzungen, die sich bei vielen Patienten als Alternative anbieten würden. Durch eine Förderung der Gruppenpsychotherapie könnten Wartezeiten erheblich reduziert werden.
Dithmarschen: Spitzenreiter im Land
Etwa 50 Prozent der psychisch Kranken werden in Deutschland von fachgebundenen Hausärzten versorgt. Nur 4,9 Prozent, also jeder 20. Betroffene, hingegen wird von Psychologischen Psychotherapeuten betreut. Die Psychotherapeutenkammer spricht von einer "eklatanten Unterversorgung auf dem Land." In Schleswig-Holstein müssen Patienten alleine auf das psychotherapeutische Erstgespräch im Durchschnitt 14,6 Wochen warten. Zwei mehr als im Bundesdurchschnitt. Im nördlichen Bundesland liegt der Höchstwert in Ostholstein - bei 23,5 Wochen, also fast einem halben Jahr. Die geringste Wartezeit haben Flensburg und der Kreis Schleswig-Flensburg mit etwas über fünf Wochen. Allerdings ziehen vom Erstgespräch bis zur Beginn der Psychotherapie einige Wochen ins Land. Während die Patienten im Bundesschnitt 23,4 Wochen bis zum Therapiebeginn warten müssen, sind es in Schleswig-Holstein 28,8. Trauriger Höchstwert: 50 Wochen Wartezeit in Dithmarschen.

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